In dieser Episode, die sich mit dem eskalierenden Krieg gegen den Iran und den damit verbundenen Auswirkungen auf die NATO befasst, spricht das Lawfare-Team nicht nur über geopolitische Ereignisse, sondern vollzieht in seiner eigenen Diskussion eine wesentliche Verschiebung nach. Die Teilnehmer:innen betrachten die Auflösung alter Allianzstrukturen weniger als plötzlichen Bruch, sondern analysieren sie als schleichende, bereits tief fortgeschrittene Erosion. Die zentrale, weitgehend unhinterfragte Annahme ist dabei die Prämisse, dass die USA nach wie vor der unverzichtbare Taktgeber globaler Sicherheitspolitik bleiben, dessen veränderte Prioritäten und Stilmittel – und seien sie noch so erratisch – die strategische Neuausrichtung aller anderen Mächte erzwingen.
Zentrale Punkte
- Zermürbungskrieg am Persischen Golf Der Konflikt mit dem Iran sei in eine Phase des gegenseitigen Abwartens übergegangen, in der die Schließung der Straße von Hormus primär als wirtschaftliches und psychologisches Druckmittel eingesetzt werde. Es wird argumentiert, dass der Trump-Regierung kurzfristige taktische Erfolge wichtiger seien als eine tragfähige strategische Lösung.
- Zwang als Mittel der Bündnispflege Es wird konzeptionell unterschieden zwischen ergebnisoffenem Zwang und traditionellen Mechanismen zur Streitbeilegung innerhalb von Allianzen. Die Runde konstatiert, dass die US-Regierung Zwangsmittel notorisch unflexibel einsetze und eine dauerhafte Schädigung der NATO-Effektivität wahrscheinlicher sei als ihr formaler Austritt.
- Die Auslagerung strategischer Tiefe Die Diskussion legt nahe, dass ein breiter, parteiübergreifender Konsens in den USA einen Rückzug aus der globalen militärischen Flächenpräsenz begünstige. Nicht das Fernbleiben, sondern die Stationierung von US-Truppen in weit entfernten Gebieten werde zunehmend als strategischer Risikofaktor und Einladung zur Eskalation umgedeutet.
- Sicherheit als Vorwand für Machtausbau Bezüglich des Attentatsversuchs wird hervorgehoben, dass die Trump-Regierung das Ereignis umgehend nutze, um politische Gegner für die aufgeheizte Rhetorik verantwortlich zu machen. Gleichzeitig werde eine zivile Klage gegen den Bau eines neuen Ballsaals im Weißen Haus unter Verweis auf neu entstandene Sicherheitsbedenken diskreditiert.
Einordnung
Die Stärke dieser Diskussion liegt in ihrer Fähigkeit, sicherheitspolitische Brennpunkte – Iran, Libanon, NATO – nicht nur zu referieren, sondern in ihrem kausalen und stilistischen Zusammenhang zu erkennen. Besonders überzeugend ist die detaillierte Analyse der saudi-arabischen und französischen Vermittlungsversuche im Libanon sowie die Einordnung des Zwangs als aktivem, zersetzendem Werkzeug der Bündnisverwaltung, nicht bloß als Trotzreaktion. Die Runde bringt auch ein feines Gespür für die Widersprüche zwischen kurzfristigem Transaktionalismus und der Notwendigkeit langfristigen, technisch komplexen Staatshandelns auf, etwa bei nuklearen Verifikationsregimen.
Kritisch anzumerken ist, dass die Analyse fast vollständig in einem Washingtoner Politikvokabular verbleibt. Dass die vermeintliche „erratische" Bündnispolitik für viele Länder des Globalen Südens ein längst bekanntes Muster imperialen Vorgehens darstellt, bleibt ausgeblendet. Geopolitische Macht wird primär über militärische Fähigkeiten definiert, was etwa komplexe wirtschaftliche, kulturelle oder klimapolitische Einflussfaktoren marginalisiert. Die Diskussion setzt zudem unhinterfragt voraus, dass die USA nach wie vor die zentrale ordnende Kraft sein müssen, und diskutiert die Krise der NATO lediglich als Verlust von Effizienz, nicht aber als mögliche Chance für sicherheitspolitische Emanzipation. Eine Perspektive, die das Ende der US-Hegemonie nicht nur als Chaos, sondern auch als Gestaltungsraum für eine weniger militarisierte Weltordnung begreift, scheint im Rahmen dieser Expertenkultur kaum denkbar. „I think at a time where there's been so much tension specifically with Mexico [...] I'm always struck [...] American soft power through sports and stuff is still a real thing," erklärt Joel Braunold und markiert damit einen unkritischen Patriotismus, der Soft Power als ungebrochene Einladung und nicht auch als kulturelles Dominanzinstrument versteht (Min. 72).
Hörempfehlung: Unverzichtbar für Hörer:innen, die die innenpolitische Logik und den Experten-Diskurs hinter den zerfallenden US-Allianzen aus erster Hand verstehen wollen.
Sprecher:innen
- Scott R. Anderson – Lawfare-Redakteur
- Natalie Orpett – Geschäftsführende Redakteurin, Lawfare
- Ariane Tabatabai – Lawfare-Redakteurin; Chicago Council on Global Affairs
- Joel Braunold – Lawfare-Redakteur; Geschäftsführer des Center Project