In dieser Episode von „Betreutes Fühlen“ widmen sich Atze Schröder und Dr. Leon Windscheid einem düsteren Kapitel der Psychologiegeschichte: den psychiatrischen Untersuchungen der NS-Kriegsverbrecher während der Nürnberger Prozesse. Anhand der widersprüchlichen Berichte des Psychiaters Douglas Kelley und des Psychologen Gustave Gilbert arbeiten sie sich an der Frage ab, ob die Nazi-Führungsriege aus psychopathischen Monstern oder aus erschreckend normalen Menschen bestand. Die Diskussion wird von der Prämisse geleitet, dass die Psychologie bei aller Wissenschaftlichkeit oft an ihre Grenzen stößt, wenn sie den Menschen in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu fassen versucht.
Ein zweiter Erzählstrang verwebt die historischen Ereignisse mit akuten Gegenwartsbezügen. Die Hosts nehmen das als „sympathisch“ kritisierte Interview mit Björn Höcke zum Anlass, grundsätzlich zu fragen, ob sich politisch extreme Haltungen durch geschickte Gesprächsführung entlarven lassen oder ob die „Banalität des Bösen“ solche einfachen Kategorisierungen verhindert. Dabei wird die eigene, als linksliberal erkennbare politische Sorge um gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland zum emotionalen Unterbau des Themas.
Zentrale Punkte
- Der Streit um Görings Psyche Kelley, der Psychiater, habe die NS-Führungsriege als psychisch gesund, aber mit niedrigen ethischen Maßstäben beschrieben. Für ihn seien ähnliche Persönlichkeiten in jedem Land zu finden. Gilbert, der Psychologe, hingegen habe sie als empathielose Psychopathen eingestuft und damit die Erwartungshaltung der Siegermächte bedient.
- Der Rorschachtest als methodische Sackgasse Am Beispiel von Kelleys Spezialgebiet, dem Rorschachtest, werde die Überheblichkeit psychologischer Methoden entlarvt. Der Test, der anhand von Tintenklecksen die Persönlichkeit entschlüsseln sollte, gelte heute als wissenschaftlich unbrauchbar. Es wird argumentiert, die Psychologie biete oft scheinbare Klarheiten, die einer objektiven Prüfung nicht standhielten.
- Die Banalität des Bösen in der Gegenwart Die Unfähigkeit, das „Böse“ klar zu diagnostizieren, sei die eigentliche Lehre aus Nürnberg. Die Vorstellung, man könne einem Höcke im Interview die Maske herunterreißen und das Monster darunter entlarven, wird als Illusion dargestellt. Stattdessen wird nahegelegt, dass böse Taten oft von Menschen begangen würden, die zugleich liebevolle Familienväter sein können.
- Die Unausweichlichkeit der Manipulation Als besonders beunruhigend wird eine Göring zugeschriebene Aussage besprochen, wonach sich ein Volk in jedem politischen System leicht für einen Krieg gewinnen lasse. Man müsse ihm nur einreden, es werde angegriffen. Diese historische Feststellung wird als zeitloser, perfider Mechanismus zur Legitimation von Gewalt eingeordnet.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in ihrer Fähigkeit, eine historische Anekdote für eine grundsätzliche und hochaktuelle Reflexion über menschliche Abgründe zu nutzen. Windscheids klare und selbstkritische Einordnung des Rorschachtests als unwissenschaftliche Methode gibt Hörer:innen ein wertvolles Werkzeug an die Hand, um psychologischen Wahrheitsansprüchen generell mit mehr Skepsis zu begegnen. Der Podcast verlässt die reine Geschichtsstunde und stellt sich mutig der unbequemen Erkenntnis, dass sich das unbegreiflich Böse nicht in einer bestimmten, klar abgrenzbaren Persönlichkeitsstruktur verorten lässt. Die wiederholte Betonung der inneren Widersprüchlichkeit von Menschen wie Göring – Tierfreund und Massenmörder – verhindert vorschnelle Dämonisierungen, die das Verstehen im Kern verunmöglichen.
Gerade im Versuch, historische Erkenntnisse auf heutige Politik zu übertragen, zeigt sich jedoch auch die methodische Schwäche des Formats. Der Sprung vom pathologischen Narzissmus eines Hermann Göring zum strategischen öffentlichen Auftreten eines Björn Höcke geschieht assoziativ und wird kaum mit Zwischentönen unterfüttert. Politische Analyse wird hier stark psychologisiert und die komplexe kommunikative Strategie der neuen Rechten auf die persönliche Empathielosigkeit ihres Personals verkürzt. Das ist für ein Psychologie-Podcast zwar naheliegend, greift aber zu kurz, um politischer Agitation wirklich beizukommen. Die Folge verharrt letztlich in einer faszinierenden, aber etwas resignativen Beobachtung, die keine Idee entwickelt, wie eine Gesellschaft mit der Normalität des Bösen umgehen kann. Ein Zitat Görings, das als Beleg für die universelle Kriegstreiberei dient, ist in seiner Klarheit erschütternd: „Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen. Diese Methode funktioniert in jedem Land."
Hörempfehlung: Eine spannende und unaufgeregt-kritische Reise in die Geschichte der Psychologie, die allen zu denken geben sollte, die sich für die Entstehung und (Nicht-)Erkennbarkeit von politischer Gewalt interessieren.
Sprecher:innen
- Dr. Leon Windscheid – Psychologe, Autor und einer der beiden Gastgeber des Podcasts
- Atze Schröder – Komiker, Schauspieler und Co-Gastgeber mit großem Interesse an Psychologie