Bundeskanzler Friedrich Merz habe eine außenpolitisch schwierige Woche hinter sich – so die Ausgangslage dieses Gesprächs zwischen Gordon Repinski und der Spiegel-Journalistin Marina Kormbaki, aufgezeichnet am Rande des EU-Westbalkan-Gipfels in Montenegro. Den Rahmen bildet die historische Niederlage bei der Wahl um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, bei der Deutschland gegen Österreich und Portugal unterlegen sei. Im Gespräch werde diese Niederlage nicht nur als Ergebnis geopolitischer Großwetterlagen verhandelt, sondern vor allem als Folge konkreter politischer Entscheidungen und Versäumnisse – eine Perspektive, die Merz und sein Umfeld nach Ansicht der Gesprächspartner:innen zu wenig in den Blick nähmen.

Zentrale Punkte

  • Selbstgemachtes UN-Debakel Die Niederlage im Sicherheitsrat sei nicht allein mit geopolitischen Gegenwinden erklärbar, sondern habe auch handwerkliche Gründe: Merz habe sich einen Auftritt bei der UN-Generalversammlung im September gespart, weil er mit dem Haushalt zu Hause Präsenz zeigen wollte – während andere Länder für einen halben Tag anreisten und um Stimmen warben, so der Vorwurf.
  • Globale Wahrnehmungsdissonanz Merz unterschätze, dass seine Aussagen einen globalen Resonanzraum hätten. Seine Äußerungen zum Vorgehen Israels, zu völkerrechtlichen Fragen oder Bemerkungen etwa zu Belém hätten bei vielen Staaten Irritationen ausgelöst und ein Deutschlandbild erzeugt, das nicht mehr dem deutschen Selbstbild eines um Ausgleich bemühten Landes entspreche.
  • Koalition ohne Vertrauen Vor einem innenpolitisch entscheidenden Monat fehle in der Regierung das vermittelnde Element. Zwischen Union und SPD herrsche Misstrauen und Entfremdung; selbst bei Merz‘ Besuch in der SPD-Fraktion habe es weder Applaus noch das Gefühl eines gemeinsamen Projekts gegeben. Die anstehenden Einsparungen könnten die Koalition zerreißen.

Einordnung

Das Gespräch zeichnet sich durch eine dichte Verknüpfung außen- und innenpolitischer Analyse aus. Kormbaki liefert eine scharfsinnige Einordnung, wie die Prioritätensetzung des Kanzlers – das bewusste Abstreifen des Labels „Außenkanzler“ zugunsten innenpolitischer Glaubwürdigkeit – zur diplomatischen Niederlage beigetragen haben könnte. Besonders aufschlussreich ist der Fokus auf die konkreten diplomatischen Versäumnisse jenseits geopolitischer Erklärungsmuster, die Merz selbst bevorzuge. Die Beobachtungen zur fehlenden Vertrauensbasis innerhalb der Koalition und zu den Sprengkräften der anstehenden Reformen sind präzise und empirisch unterfüttert.

Allerdings bleibt die Diskussion stark auf die Berliner Binnenperspektive konzentriert. Die strukturellen Rahmenbedingungen der UN-Abstimmung – etwa die Dynamik regionaler Wahlblöcke, die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit oder die Frage, wie andere Mittelmächte ihre Kampagnen strategisch aufbauen – werden nur gestreift. Auch die Westbalkan-Thematik, die den Aufnahmeort des Gesprächs bildet, gerät zur Randnotiz. Der Hinweis, dass „Europa und Deutschland“ für die Westbalkan-Staaten „tatsächlich noch“ funktionierten, bleibt eine Behauptung ohne Vertiefung. Hier hätte die Gelegenheit bestanden, das deutsche Selbstbild an den Perspektiven der Beitrittskandidaten zu spiegeln. Wie Repinski es formuliert: „ich finde, das fehlt uns ein bisschen“ – eine Einsicht, die im Gesprächsverlauf nicht weiter entfaltet wird.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie handwerkliche Fehler und die Prioritätenverschiebung vom Außen- zum Innenkanzler zur diplomatischen Niederlage beigetragen haben – und vor welcher Zerreißprobe die Koalition kurz vor dem Reformgipfel steht.

Sprecher:innen

  • Gordon Repinski – Host, POLITICO Executive Editor Deutschland
  • Marina Kormbaki – Stellv. Leiterin Hauptstadtbüro, DER SPIEGEL