Taiwan verzeichnet einen monatlichen Handelsüberschuss von 30 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts, was auf die boomende Halbleiterindustrie zurückzuführen sei. In dieser Episode von „Ones and Twos" diskutieren Cameron Abadi und Adam Tooze, wie dieser wirtschaftliche Erfolg die Insel prägt. Es wird die Frage verhandelt, ob die Konzentration auf einen Sektor zu wirtschaftlichen Verzerrungen führe und wie die sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA mit dieser ökonomischen Stärke zusammenspielt. Dabei wird die immense wirtschaftliche Bedeutung Taiwans als Argument für seine Sicherheit ebenso thematisiert wie die allgegenwärtige Verwundbarkeit, die aus dieser Rolle resultiert.

Zentrale Punkte

  • Handelsüberschuss als einzigartiges Phänomen Der Handelsüberschuss Taiwans werde durch den KI-Boom und die Nachfrage nach Chips angetrieben und sei in dieser Höhe historisch beispiellos. Selbst Ölstaaten hätten niedrigere Überschüsse. Dies führe zu einem extremen, aber hochtechnologischen Wirtschaftswachstum, das den gesamten Lebensstandard nach oben ziehe, anders als die mit Rohstoffreichtum verbundene „Holländische Krankheit".

  • Wirtschaftliche Unverzichtbarkeit als Sicherheitsfaktor Taiwan nehme eine einzigartige Stellung ein, da modernste Chips nur dort gefertigt würden. TSMC und ASML verfügten über „Kill Switches", um die Produktion im Ernstfall lahmzulegen. Diese Abhängigkeit der Weltwirtschaft, kombiniert mit den verheerenden globalen Folgen eines Krieges in der Taiwanstraße, fungiere als Abschreckung, auch wenn dies keine absolute Sicherheit garantiere.

  • Abhängigkeit prägt die Rüstungspolitik Der taiwanische Präsident Lai Ching-te forciere massive Rüstungsausgaben, um die Insel zu einem „harten Brocken" zu machen. Die Opposition im Parlament blockiere jedoch eigenständige Drohnen-Programme und bevorzuge den Kauf von US-Ausrüstung. Dies sei ein taktisches Manöver, um die USA stärker einzubinden und gleichzeitig Peking nicht zu provozieren, was die tiefe Zerrissenheit der Insel zeige.

  • „Insel der Resilienz" als Ausdruck von Verwundbarkeit Die Regierung brande Taiwan als „Insel der Resilienz". Diese Selbstbehauptung sei eine Reaktion auf die offenkundigen Verwundbarkeiten: die wirtschaftliche Monokultur, die Abhängigkeit von Energieimporten, militärischem Schutz und die diplomatische Isolation. Die Betonung der Widerstandskraft sei politisch notwendig, letztlich aber ein Spiegelbild der tiefen existenziellen Unsicherheit des demokratischen Inselstaats.

Einordnung

Die Episode liefert eine dichte und kontextreiche Analyse von Taiwans wirtschaftlicher und politischer Lage. Besonders stark ist die Einordnung des schieren Ausmaßes des Handelsüberschusses, der selbst für informierte Hörer:innen überraschend wirken dürfte. Die Diskussion der „Kill Switches" und der geopolitischen Hebelwirkung durch die Halbleiterindustrie wird greifbar und vermittelt die Komplexität der Lage, ohne in Alarmismus zu verfallen. Durch die historischen und strategischen Parallelen, etwa zum Umgang mit geistigem Eigentum im Zweiten Weltkrieg, wird das Problemfeld klug abgesteckt.

Die Analyse bleibt jedoch konsequent in einer stark wirtschafts- und sicherheitspolitisch geprägten Perspektive verfangen. Die Stimme Taiwans selbst – sei es durch Zitate von politischen Akteur:innen, zivilgesellschaftliche Perspektiven oder die Betrachtung innenpolitischer Debatten jenseits von Rüstungsfragen – kommt nicht vor. So wird die Insel überwiegend als geopolitischer Spielball und Standort einer kritischen Industrie behandelt, weniger als komplexe demokratische Gesellschaft. Die gesamte Sicherheitsargumentation stützt sich unhinterfragt auf die Prämisse, dass militärische Abschreckung und die Abhängigkeit von den USA der einzig realistische Pfad zur Status-quo-Sicherung seien – alternative diplomatische Visionen oder die Positionen der vom Moderator erwähnten kleinen Minderheit, die für einen Anschluss an China plädiert, werden nicht erörtert.

Sprecher:innen

  • Adam Tooze – FP Economics Columnist und Professor für Geschichte an der Columbia University
  • Cameron Abadi – Deputy Editor bei Foreign Policy, moderiert die Sendung aus Berlin