Michael Bröcker spricht mit Henkel-Chef Carsten Knobel anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie wettbewerbsfähig der Standort Deutschland für einen globalen Spezialchemie-Konzern heute noch ist und welche politischen Weichenstellungen nötig wären. Das Gespräch bewegt sich durchgehend in einer Logik, die wirtschaftliches Wachstum und internationale Konkurrenzfähigkeit als oberste Ziele setzt und staatliches Handeln vor allem daran misst, ob es diese Ziele befördert oder behindert.
Zentrale Punkte
- Optimismus trotz Standortproblemen Knobel zeichne ein differenzierteres Bild als die von Deindustrialisierung geprägte Branchenwahrnehmung. Zwar leide die Chemie unter hohen Energiekosten und schwacher Nachfrage, doch für Henkel als weniger energieintensive Spezialchemie sei die Lage besser. Entscheidende Investitionen, wie ein großes Forschungszentrum, tätige man weiterhin in Deutschland.
- Bürokratie als zentrale Wachstumsbremse Neben den Energiekosten sieht Knobel im Thema Regulierung und Bürokratie den größten Wettbewerbsnachteil für den Standort. Berichtspflichten und langsame Verfahren behinderten Investitionen und Agilität massiv. Er begrüße politische Anläufe zum Bürokratieabbau, fordere aber eine deutlich schnellere Umsetzung konkreter Maßnahmen.
- Wachstum durch Zukäufe und Markentreue Organisches Wachstum allein sei in gesättigten Märkten oft nicht ausreichend, weshalb gezielte Akquisitionen – besonders in Asien und den USA – fester Teil der Strategie seien. Um auf Preisdruck zu reagieren, setze man auf ein Markenportfolio, das mit verschiedenen Produkten alle Einkommensschichten abdecke, um die Abwanderung zu günstigeren Handelsmarken zu bremsen.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen detaillierten Einblick in das strategische Denken eines DAX-Konzernchefs unter wirtschaftspolitischem Druck. Eine Stärke liegt darin, dass Knobel die oft pauschale Deindustrialisierungsdebatte für sein Unternehmen konkretisiert und zwischen den Problemlagen der Grundstoffchemie und der Spezialchemie unterscheidet. Bröcker hakt an mehreren Stellen nach, etwa bei der Frage, ob die Produktion nicht doch schleichend abwandert.
Die Diskussion verbleibt allerdings vollständig in einem Wahrnehmungsrahmen, der unternehmerische Entfesselung als alternativloses positives Ziel setzt. Bürokratieabbau wird von beiden Gesprächspartnern als gemeinsames Desiderat behandelt, ohne zu thematisieren, dass etwa das europäische Chemikalienrecht REACH spezifische Schutzfunktionen erfüllt. Die Perspektive von Arbeitnehmer:innen oder Anwohner:innen von Industriestandorten kommt nicht vor. Da es sich um ein CEO-Interview handelt, ist diese Verengung zwar formatbedingt, sie wird von der Gesprächsführung jedoch auch nicht durch entsprechende Nachfragen aufgebrochen. So bleibt die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten eines deregulierten Industriestandorts außen vor.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine konkrete Einordnung der Standortdebatte aus Unternehmenssicht suchen, sich aber bewusst sein sollten, dass andere Perspektiven hier keinen Raum finden.
Sprecher:innen
- Carsten Knobel – Seit 2020 Vorstandsvorsitzender des Konsumgüter- und Klebstoffkonzerns Henkel
- Michael Bröcker – Chefredakteur Table Briefings und Host des Podcasts