Im Podcast "O Assunto" diskutiert Victor Boyadjian mit dem brasilianischen Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel die jüngsten Friedensverhandlungen zwischen Trump, Putin und Selenskyj. Stuenkel erklärt, dass die Ukraine sich laut interner Einschätzung wohl militärisch nicht mehr in der Lage sehe, die besetzten Gebiete zurückzuerobern, und dass eine territoriale Abgabe "de facto" wahrscheinlich sei, wenn westliche Sicherheitsgarantien kämen. Er betont, dass die Ukraine eine starke Armee und verlässliche Schutzversprechen brauche, da Russland frühere Abkommen gebrochen habe. Die europäischen Staats- und Regierungschefs würden zwar formal keine Annexion anerkennen, aber die Realität akzeptieren – vergleichbar mit der Sowjetunion in den baltischen Staaten. Stuenkel warnt, dass Russland die Zeit auf seiner Seite sehe und die Ukraine unter Druck setze, während die Bevölkerung zunehmend nach Frieden rufe, auch wenn das bedeute, Gebiete abzutreten. Die ukrainische Gesellschaft sei heute stärker pro-europäisch denn je; eine Rückkehr zu einer russlandfreundlichen Politik sei nach einem Friedensschluss kaum vorstellbar.
1. Ukraine sieht sich gezwungen, Gebiete praktisch abzutreten
Stuenkel erklärt, dass in Kiew bereits ein stillschweigendes Einverständnis herrsche: "Es gibt eine implizite Akzeptanz in Kiew, dass das Land wahrscheinlich einen Teil seines Territoriums an Russland abtreten muss." Dies werde offiziell nicht zugegeben, sei aber realistisch, weil die Ukraine militärisch nicht in der Lage sei, die besetzten Gebiete zurückzuerobern.
2. Westliche Sicherheitsgarantien als unverzichtbare Bedingung
Für jede Art von Waffenstillstand oder Friedensabkommen sei es "wirklich fundamental", dass die Ukraine "konkrete Sicherheitsgarantien" erhalte – nicht nur von Europa, sondern auch von den USA – um zu verhindern, dass Russland sich lediglich neu aufstelle und später den Rest der Ukraine angreift.
3. Russland nutzt Zeitvorteil und westliches Desinteresse
Stuenkel stellt fest: "Die Zeit ist ganz klar auf der Seite des russischen Präsidenten." Die russische Regierung sei stabil, die ukrainische Bevölkerung hingegen zunehmend kriegsmüde. Eine wachsende Zahl der Menschen wünsche sich Frieden, „auch wenn das bedeutet, auf ukrainisches Territorium zu verzichten“.
4. Europäische Staaten werden Annexion nicht anerkennen, aber akzeptieren
Formal würden die Europäer eine Integration der besetzten Gebiete in Russland „wahrscheinlich nicht akzeptieren“, doch in der Praxis werde man die Situation wie damals bei der Sowjetunion in den baltischen Staaten „verstehen, dass diese Gebiete unter russischer Kontrolle sind“.
5. Zukünftige Ukraine wird pro-europäisch bleiben
Unabhängig vom Ausgang des Krieges sei die ukrainische Bevölkerung heute „mehr pro-westlich denn je“. Selbst bei freien Wahlen würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine pro-europäische Figur gewählt werden, da die Menschen den wirtschaftlichen Aufschwung Polens nach dem EU-Beitritt als Vorbild sehen.
Einordnung
Die Sendung präsentiert sich als professionelles journalistisches Format: klare Struktur, sachliche Moderation und eine Expertise, die durch akademische und institutionelle Referenzen glaubwürdig wirkt. Oliver Stuenkel gelingt es, komplexe geopolitische Zusammenhänge in verständliche Zusammenhänge zu übersetzen, ohne dabei die ukrainische Perspektive zu ignorieren. Allerdings bleibt die Brille des westlich-liberalen Mainstreams unhinterfragt: Russland erscheint durchgehend als Aggressor, westliche Sicherheitsgarantien als moralisch geboten. Die Frage, warum die NATO-Osterweiterung von Moskau als Bedrohung wahrgenommen wird, wird nicht ernsthaft diskutiert. Die Stimmen ukrainischer Zivilisten („Nichts Gutes wird daraus entstehen“) dienen eher als emotionale Illustration denn als eigenständige Analyseebene. Insgesamt liefert der Podcast eine solide, wenn auch einseitige Einschätzung der aktuellen Verhandlungen – ohne alternative Friedensmodelle oder kritische Selbstreflexion westlicher Politik.