In dieser Folge von „Kaffee, extra schwarz" diskutieren Ahmad Mansour und Oliver Mayer-Rüth mit dem ehemaligen SPD-Staatsminister Michael Roth. Das Gespräch kreist um die Frage, warum sich traditionelle SPD-Wähler:innen zunehmend von der Partei abwenden. Roth geht hart mit seiner eigenen Partei ins Gericht und beschreibt eine Sozialdemokratie, die sich von den Alltagssorgen der Menschen entfremdet habe – besonders bei den Themen Migration und Islam. Die Diskussion entfaltet sich entlang einer doppelten Kritik: zum einen an einer als moralisierend empfundenen Identitätspolitik, die jede Reflexion über kulturelle Konflikte als rassistisch brandmarke, zum anderen an einer mangelnden Bereitschaft, Antisemitismus in migrantischen und linken Milieus klar zu benennen. Auffällig ist, wie selbstverständlich Roth Begriffe wie „Integration", „Wertegesellschaft" und „Wehrhaftigkeit" verwendet, ohne deren politische Implikationen zu problematisieren. Die Annahme, dass bestimmte Menschengruppen per se problematische Werte „mitbringen", durchzieht das Gespräch als unhinterfragter Grundton.
Zentrale Punkte
- SPD habe ihre Klientel vergessen Die SPD nehme die Sorgen vieler Bürger:innen zu Migration nicht mehr ernst, sondern werte diese reflexhaft als fremdenfeindlich ab. Statt für die Alltagsprobleme der Menschen da zu sein, werde die Partei von Identitätspolitiker:innen dominiert, die moralische Debatten in „null und eins" führten und jede kritische Nachfrage verhinderten. Dies treibe traditionelle Wähler:innen zur AfD.
- Debatte über Islam werde tabuisiert Notwendige Kritik an patriarchalen Strukturen, Antisemitismus oder illiberalen Praktiken im Namen des Islam werde innerparteilich und gesellschaftlich als islamfeindlich oder rassistisch abgetan, behauptet Roth. Dabei sei das Einfordern von Gleichberechtigung und Respekt gegenüber Minderheiten ein zutiefst linkes Anliegen. Die SPD habe versäumt, Religionskritik als progressiven Auftrag zu begreifen.
- Versagen der Erinnerungskultur offenbart Die mangelnde Empathie mit jüdischen Opfern nach dem 7. Oktober – symbolisiert durch die geringe Teilnahme an Solidaritätskundgebungen – zeige das Scheitern der deutschen Erinnerungskultur, argumentieren die Gesprächsteilnehmer. Während gegen „Remigration" Hunderttausende demonstrierten, bleibe die Solidarität mit Jüd:innen im Alltag aus. Die Kluft zwischen pompösem Gedenken und gelebter Solidarität sei eklatant.
Einordnung
Das Gespräch gewinnt seine Stärke aus Roths persönlicher Betroffenheit und seiner intimen Kenntnis des SPD-Innenlebens. Seine Schilderung, wie er sich als Verteidiger Israels von der eigenen politischen Familie entfremdet fühlt, macht den Konflikt emotional nachvollziehbar. Die Episode liefert eine pointierte, erfahrungsgesättigte Analyse innerlinker Widersprüche – insbesondere der Schwierigkeit, dieselben emanzipatorischen Standards gegenüber konservativen Muslim:innen durchzusetzen, die man gegenüber dem „alten weißen Mann" selbstverständlich anlegt. Auch die explizite Auseinandersetzung mit Antisemitismus in migrantischen und linken Kontexten verlässt Komfortzonen.
Die Diskussion bleibt jedoch in einem entscheidenden Punkt lückenhaft: Die strukturellen Rahmenbedingungen von Migrationspolitik – etwa europäische Asylrechtsverschärfungen, Abschiebepraxis in Kriegsgebiete oder die Frage, wer überhaupt ein Bleiberecht bekommt – werden kaum gestreift. Stattdessen verharrt das Gespräch in einer kulturalisierenden Logik, die „Integration" primär als Bringschuld der Einwanderer:innen fasst. Die Perspektive von Muslim:innen, die sich durch diese Debattenführung pauschal unter Generalverdacht gestellt fühlen könnten, kommt nicht zu Wort. Und die Moderator:innen stellen zwar kritische Nachfragen, übernehmen aber grundsätzlich die Prämissen ihres Gastes – eine echte Gegenposition fehlt. Roths eigene Aussage, er habe „lange gebraucht, mich als Patriot zu sehen", zeigt exemplarisch, wie stark das Gespräch von der Wiedergewinnung einer als verloren geglaubten nationalen Identität geprägt ist – eine Rahmung, die selbst nicht weiter analysiert wird.
Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die verstehen wollen, wie tief die Verwerfungen in der SPD beim Thema Migration und Antisemitismus reichen – und die eine diskursiv zugespitzte Innensicht schätzen.
Sprecher:innen
- Ahmad Mansour – Autor und Psychologe, Experte für Islamismus und Radikalisierung
- Oliver Mayer-Rüth – Journalist und Co-Moderator von „Kaffee, extra schwarz"
- Michael Roth – SPD-Politiker, ehemaliger Staatsminister und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses