In dieser journalistischen Interview-Episode des c't-Podcasts „Haken dran“ diskutieren der Host Gavin Karlmeier und die Suchtexpertin Saskia Rößner über das Phänomen der Mediensucht. Ausgangspunkt ist die Diskrepanz zwischen gefühlter Alltagsabhängigkeit und den aktuell noch immer fehlenden medizinischen Diagnoseschlüsseln für soziale Netzwerke. Die Debatte ist stark von zwei konkurrierenden Perspektiven geprägt: Während der Host wiederholt nach regulatorischen Eingriffen und Verboten fragt und sprachlich Parallelen zu klassischen Suchtmitteln wie Alkohol oder Glücksspiel zieht, dekonstruiert die Expertin dieses Deutungsmuster. Sie etabliert stattdessen ein Narrativ der Befähigung und Eigenverantwortung. Dabei wird die kapitalistische Grundlogik der Plattformen – Aufmerksamkeit um jeden Preis zu binden – zwar als problematisch benannt, letztlich aber als unhinterfragbare wirtschaftliche Realität hingenommen. ### Zentrale Punkte * **Fehlende Diagnosekriterien** Rößner erkläre, dass es medizinisch noch keine Diagnose für Social-Media-Sucht gebe, auch wenn aktuelle Forschungen ähnliche Prozesse im Gehirn wie bei Substanzsüchten nahelegen würden. * **Vergleich mit Alkohol** Der oft gezogene Vergleich mit Drogen werde von der Expertin abgelehnt, da soziale Netzwerke im Gegensatz zu toxischen Substanzen auch positive Effekte wie Identitätsfindung hätten. * **Kompetenz statt Verbote** Staatliche Verbote oder strikte Altersgrenzen seien laut Rößner wirkungslos, stattdessen müsse mediale Kompetenz frühzeitig als strukturelle Bildungsaufgabe in Schulen vermittelt werden. * **Gefahr sozialer Ungerechtigkeit** Die Vermittlung digitaler Fähigkeiten allein den Eltern zu überlassen, berge das Risiko, bestehende soziale Benachteiligungen weiter zu verschärfen, betone die Suchtbeauftragte. ### Einordnung Die Episode glänzt durch eine sachliche Aufarbeitung eines oft hoch emotionalisierten Themas. Es gelingt der Expertin hervorragend, populistische Verbotsforderungen abzuräumen und den Fokus auf systemische Bildungsfragen zu lenken. Kritisch anzumerken ist, dass die ökonomische Ausbeutungslogik der Tech-Konzerne weitgehend als Naturgesetz akzeptiert wird. Wenn Rößner das bewusste Erzeugen von Suchtmechanismen kommentiert mit: „und es ist ein Stück weit verständlich, weil das deren Geschäftsmodell ist“, bleibt der digitale Kapitalismus letztlich unangetastet. Dem Host gebührt Lob dafür, dass er als kritischer Stichwortgeber fungiert und sein eigenes mediales Nutzungsverhalten offen zur Selbstreflexion stellt. **Hörempfehlung**: Eine sehr lehrreiche Episode für Eltern, Lehrkräfte und alle, die ihren eigenen endlosen Scroll-Gewohnheiten kritisch und ohne moralischen Zeigefinger auf den Grund gehen wollen. ### Sprecher:innen * **Gavin Karlmeier** – Podcast-Host und freier Journalist * **Saskia Rößner** – Expertin bei der hessischen Landesstelle für Suchtfragen