Der Journalist Nicholas Kristof recherchierte für die „New York Times“ vor Ort und sprach mit 14 palästinensischen Betroffenen, die von sexualisierter Gewalt durch israelische Sicherheitskräfte, Siedler und Gefängniswärter im Westjordanland berichteten. Kristof unterfütterte die erschütternden Schilderungen mit Berichten der Vereinten Nationen, von Save the Children und israelischen Organisationen wie B’Tselem. Er kommt zu dem Schluss, dass sexualisierte Gewalt ein systematischer Bestandteil der Misshandlung von Palästinenser:innen sei, auch wenn er keine direkten Anordnungen durch Politiker:innen belege: „Sie haben einen Sicherheitsapparat aufgebaut, in dem laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2025 sexualisierte Gewalt ein wesentlicher Bestandteil der Misshandlung von Palästinensern ist.“

Die Reaktion der israelischen Regierung unter Benjamin Netanjahu folgte umgehend. Er bezeichnete den Bericht als „eine der abscheulichsten und verzerrtesten Lügen“ und bemühte die mittelalterliche Ritualmordlegende – ein antisemitisches Narrativ –, um die Vorwürfe zu kontern. Kristof sei ein „Propagandist“, die Veröffentlichung Teil einer orchestrierten Anti-Israel-Kampagne. Wenige Tage später eskalierte Netanjahu und drohte auf „X“ mit einer Verleumdungsklage gegen die Zeitung und den Journalisten.

Antonia Groß analysiert diese Gegenoffensive als klassisches Ablenkungsmanöver. Sie zeigt, wie gezielt skandalisierbare Details der Recherche angegriffen werden – etwa die Platzierung im Meinungsressort, die Glaubwürdigkeit der NGO Euro-Med oder die Berichte über den Einsatz von Hunden –, während der Kern der massiven Menschenrechtsverletzungen aus dem Blick gerät. Ein von ihr zitiertes Zitat bringt die Diskursverschiebung auf den Punkt: „Beweise für das unmenschliche Leid in Gaza werden hinterfragt und diskutiert, anstatt sich der Verbrechen anzunehmen.“ Der Effekt: Die Klagedrohung dominiert die Schlagzeilen, die sexualisierte Gewalt ist verdrängt.

Juristisch, so Expert:innen, hat die Klage kaum Aussicht auf Erfolg. Sie trägt jedoch alle Züge einer sogenannten SLAPP-Klage, also einer strategischen Klage, die darauf abzielt, unabhängigen Journalismus einzuschüchtern und der Reputation eines Mediums zu schaden. Groß verweist auf Parallelen zu früheren Fällen und auf die Analyse des „Jacobin“-Magazins, wonach ein „allgemeines Klima der Angst“ entstehe, das Schweigen opportun mache. Die israelische Regierung nutzt dabei eine Blaupause, die auch andere autoritäre Herrscher anwenden: weg vom Inhalt, hin zur Diskreditierung der Bot:innen.

Einordnung

Antonia Groß schreibt aus einer klar medienkritischen, menschenrechtlichen Perspektive. Sie stellt die Perspektive der palästinensischen Betroffenen und die Erkenntnisse internationaler Organisationen ins Zentrum, während die Position der israelischen Regierung vor allem als Teil einer PR-Strategie dekonstruiert wird. Unausgesprochen bleibt dabei die sicherheitspolitische Rechtfertigung Israels, allerdings ist dies nicht Gegenstand der Medienanalyse. Groß gelingt es, die Taktiken der Diskursverschiebung präzise offenzulegen, ohne selbst in pauschalisierende Rhetorik zu verfallen. Die Argumentation stützt sich auf eine breite Quellenbasis und deckt Widersprüche auf. Der Text ist eine wichtige Lektüre für alle, die verstehen wollen, wie moderne Propaganda und strategische Prozessführung die Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen untergraben. Gerade wer sich für die Wechselwirkung von Macht, Medien und öffentlicher Meinung interessiert, wird hier fündig.