Das Gespräch dreht sich um die handwerklichen und kreativen Entscheidungen hinter der Netflix-Adaption von "Herr der Fliegen". Der Regisseur Marc Munden und der Autor Jack Thorne erläutern, wie die Wahl des Drehorts, die Arbeit mit jungen Laienschauspielern und der experimentelle Schnitt dazu dienten, die psychologische Tiefe der Vorlage zu erreichen. Dabei wird konsequent die Perspektive der Filmschaffenden eingenommen: Der Entstehungsprozess wird als eine Suche nach der Essenz des Stoffs beschrieben, bei der technische Notwendigkeiten und künstlerische Intentionen – etwa das Verhindern eines Urlaubs-Looks – Hand in Hand gehen.
Zentrale Punkte
- Die Insel als fünfte Hauptfigur Munden sei es wichtig gewesen, eine echte, abgelegene und unwirtliche Insel zu finden, die wie vergessen wirkt und keine anderen Landmassen zeigt. Dieser Drehort in Malaysia werde als zentraler, unberechenbarer Charakter verstanden, dessen unzugängliches Gelände und alter Regenwald die Geschichte physisch erfahrbar mache.
- Alles verwendbare Material finden Aus Zeitmangel und einer experimentellen Haltung heraus sei alles Bildmaterial genutzt worden, inklusive iPhone-Videos und Fotos. Im Schnitt sei es darum gegangen, die Erzählung bewusst durch Naturbilder und Porträts zu unterbrechen, um so innere Zustände und den Verlust von Unschuld jenseits klassischer Action zu vermitteln und Umwege der Erzählung zu gehen.
Einordnung
Die Folge bietet einen präzisen Einblick in die praktische Problemlösung bei einer aufwändigen Literaturverfilmung. Die Stärke liegt im detailreichen Bericht über die unkonventionellen Methoden der Schauspielführung mit Jugendlichen und den respektvollen Umgang mit ihnen als ernstzunehmende Darsteller:innen. Auch die Offenheit, mit der Munden und Thorne über den Mut zum "Fehler" und eine fast schon dokumentarische Nutzung des gedrehten Materials sprechen, macht den gestalterischen Prozess nachvollziehbar.
Die Einordnung bleibt ganz auf den Herstellungsprozess fokussiert. Das zugrundeliegende, politisch deutbare Material des Romans über Macht und Gewalt wird nicht diskutiert; die Analyseebene endet bei der Frage, wie man einen inneren Zustand filmisch darstellt. Die jungen Schauspieler kommen als Handelnde in der Erzählung vor, ihre eigene Sicht auf die Geschichte oder ihre Rollen wird aber nicht thematisiert. Wie Munden selbst sagt: "we were really in the wild" – diese Formulierung zeigt, dass hier die Authentizität der Umgebung als höchster Wert gesetzt wird, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Hörempfehlung: Ein lohnendes Gespräch für alle, die sich für die praktische Seite des Filmemachens und die kreative Problemlösung unter schwierigen Drehbedingungen interessieren.
Sprecher:innen
- Sarah Shacket – Moderatorin, Craft-Team bei IndieWire
- Jack Thorne – Drehbuchautor der Serie "Lord of the Flies"
- Marc Munden – Regisseur der Serie "Lord of the Flies"