Fatima Naqvi, Professorin an der Yale University, stellt in dieser Wiener Vorlesung ein kollektives Experiment mit ihren Studierenden vor. Gemeinsam untersuchen sie Thomas Bernhards Kurzgeschichte „Der Stimmenimitator“ – zuerst mit herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Methoden, dann mit KI-Werkzeugen. Naqvi zufolge dränge sich der Einsatz von KI im universitären Kontext durch eine „Rhetorik der Unvermeidbarkeit“ auf, der man sich kaum entziehen könne. Statt die Technologie pauschal abzulehnen, lotet sie aus, wo KI für die Textanalyse hilfreich sei und wo sie zu kurz greife. Die titelgebende Figur Bernhards – ein Künstler, der alle Stimmen imitieren kann, nur nicht seine eigene – lese sich im Zeitalter der Sprachmodelle wie eine Allegorie: Auch LLMs könnten alle Stimmen der Welt nachahmen, ohne eine eigene zu besitzen.

Zentrale Punkte

  • Der Stimmenimitator als KI-Allegorie Naqvi argumentiert, Bernhards Protagonist nehme die Funktionsweise großer Sprachmodelle vorweg: Beide imitierten bereitwillig jede Stimme, operierten mit statistischen Durchschnittswerten und verstärkten hegemoniale Standpunkte. Die Pointe der Geschichte – keine eigene Stimme zu haben – treffe auch auf LLMs zu, die als „stochastische Papageien“ nur Vorhandenes neu kombinierten.
  • KI als nützliches, aber unzuverlässiges Werkzeug Die KI-Plattform „Budelbox“ habe durchaus brauchbare Analysen geliefert, etwa zu grammatikalischen Strukturen, historischen Kontexten oder Forschungsdesideraten. Allerdings halluziniere sie weiterhin Quellen und verfalle in ideologisch problematische Deutungen – etwa wenn sie dem nomadischen Protagonisten wegen fehlender Sesshaftigkeit eine eigene Stimme abspreche.
  • Thanatologie: Die Todeslogik der Imitation Naqvi führt den Begriff der Thanatologie ein, um die Verlustlogik der KI zu beschreiben: Stimmenimitation sei immer auch Geisterbeschwörung – sie mache Abwesendes akustisch präsent. Diese Technik erzeuge ein Unbehagen, das sich in gesellschaftlichen Verlustdiskursen spiegele: Angst vor verlorenen Arbeitsplätzen, Kompetenzen und letztlich der eigenen Stimme.

Einordnung

Die Stärke dieser Wiener Vorlesung liegt in ihrer ungewöhnlichen Perspektive: Statt die übliche Gegenüberstellung von menschlicher Kreativität und maschineller Reproduktion zu bemühen, nähert sich Naqvi dem Thema literaturwissenschaftlich. Ihre Parallelisierung des „Stimmenimitators“ mit LLMs ist originell und erhellend – sie zeigt, wie literarische Texte neue Technologien reflektieren können, lange bevor diese existieren. Besonders wertvoll ist die Entscheidung, die Studierenden in ein offenes Experiment einzubinden, statt von vornherein ein skeptisches oder euphorisches Urteil über KI zu fällen. Das macht den Vortrag auch für Nicht-Fachleute nachvollziehbar.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Naqvi die universitäre Nutzung der „Budelbox“-Plattform akzeptiert, spiegelt allerdings jene „Rhetorik der Unvermeidbarkeit“, die sie anfangs selbst kritisiert. Dass universitäre Infrastrukturen an kommerzielle KI-Anbieter gebunden werden, wird als gegeben hingenommen. Alternativen – etwa quelloffene Modelle oder ein bewusster Verzicht auf solche Tools – werden nicht diskutiert. Auch fehlt eine Auseinandersetzung mit den Arbeitsbedingungen, unter denen die Trainingsdaten für LLMs entstehen, oder mit den ökologischen Kosten des KI-Einsatzes. So bleibt der Vortrag trotz kritischer Töne letztlich innerhalb des akademischen Mainstreams, der zwar Gefahren benennt, aber die Nutzung normalisiert. „Wie ein begeisterter Schüler, der beim Artikulieren von Ideen in Fluss kommt, bot mir die KI dann eine paradoxale Interpretation an“ – diese Formulierung verrät eine fast liebevolle Haltung gegenüber dem Tool, die die kritische Distanz unterschwellig unterläuft.

Sprecher:innen

  • Fatima Naqvi – Professorin für Germanistik und Filmwissenschaft an der Yale University
  • Raimund Löw – Historiker und Journalist, Host des FALTER Radio Podcasts