Der Newsletter „we all are robots“ bündelt geballte Optimismus-Meldungen aus der Robotikbranche. Im Fokus stehen zwei gewaltige Finanzierungsrunden: Humanoid erhält 152 Millionen US-Dollar Series A bei einer Bewertung von 1,35 Milliarden; der Autozulieferer Schaeffler will tausende Roboter in der Fertigung einsetzen, Bosch fungiert als Auftragsfertiger – erste Beta-Einsätze in Fabriken, Logistik und Handel starten noch dieses Jahr. Walden Robotics, ein Spin-off des Toyota Research Institute, verlässt mit 300 Millionen Dollar und einer Bewertung von 1,1 Milliarden den Stealth-Modus. Seine general-purpose-Roboter arbeiten bereits seit Februar in einem nordamerikanischen Toyota-Werk, lernen durch reale Praxis stetig dazu und könnten so die Lücke zwischen einmaligem Training und verlässlichem Dauereinsatz schließen.
Technische Glanzlichter setzen zwei weitere Unternehmen: Die Schweizer Firma mimic robotics präsentiert mit der Hand M1 und dem Exoskelett U1 ein geschlossenes System, das die menschliche Handkinematik exakt nachbildet. Die sehnengetriebene Hand stemmt 25 Kilogramm, ertastet 50-Gramm-Gewichte und vermeidet so den üblichen „Verkörperungs-Sprung“ zwischen menschlicher Vorführung und Roboterausführung – ein Design, das das Training auf Video-, Wearable- und Teleoperationsdaten abstützt. Sunday Robotics wiederum meldet mit ACT-2 eine 99,1-prozentige Erfolgsquote beim Wäschefalten in völlig fremden Wohnungen, und zwar ohne jedes Nachtraining vor Ort. Schon eine einzelne Vorführung einer neuen Falttechnik genügte, um sie auf unbekannte Kleidungsstücke zu verallgemeinern – eine deutliche Steigerung der Nullschuss-Fähigkeiten.
Ein Erlebnisbericht vom Siemens Transform UK rundet den Newsletter ab: Ein akustischer digitaler Zwilling von Hallé St Peter’s in Manchester erzeugt lebensechte Klangsimulationen, mit denen Dirigent:innen Orchesteraufstellungen testen und Probenzeiten sparen können. Der Autor verbindet dies mit Siemens‘ industrieller Digital-Twin-Expertise und der langen Tradition des Konzerns in der Musikförderung.
Insgesamt entwirft der Newsletter eine Erzählung nahtloser Fortschritte und unerschütterlichen Anleger:innenvertrauens. Risiken, regulatorische Hürden oder gesellschaftliche Kosten von Vollautomatisierung bleiben vollständig ausgeblendet.
Einordnung
Der Text ist eine reine Branchen-Innenschau: Er feiert Kapitalströme und technische Kennziffern, verschweigt jedoch systematisch die Schattenseiten. Arbeitsplatzverluste, wachsende Machtkonzentration bei Großkonzernen und Sicherheitsfragen bei autonom agierenden Robotern werden nicht erwähnt. Ausschließlich Unternehmens- und Investor:inneninteressen kommen zu Wort; Perspektiven von Beschäftigten, Gewerkschaften oder Regulierungsbehörden fehlen. Die unausgesprochene Prämisse, menschenähnliche Roboter seien die zwangsläufige Antwort auf Fachkräftemangel, leitet ein neoliberales Fortschrittsnarrativ an, das technologische Lösungen per se für wünschenswert erklärt und gesellschaftliche Debatten umgeht.
Für Kapitalgeber:innen und Technologieenthusiast:innen bietet der Newsletter einen nützlichen Überblick über aktuelle Deals und Prototypen. Wer jedoch eine abwägende Einordnung mit Risikoanalyse und sozialen Folgen sucht, sollte ihn mit Vorsicht genießen – er ist eher eine optimistische Werbeschau als ein kritisches Lagebild.