In dieser Episode der Reihe „Meilensteine der Schweizer Geschichte“ besucht Moderator Roman Zeller mit dem Historiker und Weltwoche-Autor Christoph Mörgeli die Aargauer Stadt Zofingen. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die 1819 dort gegründete Studentenverbindung Zofingia. Mörgeli schildert deren Entstehung als eine bewusste Reaktion junger Akademiker auf die restaurativen, konservativen Kräfte der damaligen Zeit. Die Gründung der Verbindung sei ein Ausdruck des liberalen Erwachens gewesen und habe eine zentrale Rolle bei der Schaffung des schweizerischen Bundesstaates von 1848 gespielt. Die historische Darstellung setzt dabei wie selbstverständlich voraus, dass die studentische Elite der richtige Ort für diesen nationalen Einigungsprozess gewesen sei.
Zentrale Punkte
- Ein Club zur Rettung des Vaterlands Die Zofingia sei im Sommer 1819 gegründet worden, um die nationale Einigung der Schweiz voranzutreiben. Ein loser Bund junger Liberaler aus Zürich und Bern habe sich der Devise „Patria, Amicitia, Litteris“ – Vaterland, Freundschaft, Wissenschaft – verschrieben und so bewusst einen Gegenpol zu den als rückständig empfundenen Mächten des Landes gebildet.
- Die staatstragende Kaderschmiede Der Einfluss der Zofingia auf den jungen Bundesstaat sei enorm gewesen und wirke bis heute nach. Mit über einem Dutzend Parlamentariern im ersten Parlament von 1848 und insgesamt 21 Bundesräten – ein Rekord, den kein anderer Verein für sich beanspruchen könne – sei die Verbindung ein zentraler Rekrutierungskanal für die politische Elite gewesen.
- Liberale Männerbastion unter modernem Druck Die Verbindung verstehe sich bis heute als liberal und diskussionsfreudig – und unterscheide sich damit von als deutsch-nationalistisch wahrgenommenen österreichischen Pendants. Doch das Festhalten am reinen Männerprinzip habe zu rechtlichen Niederlagen geführt, etwa an der ETH Lausanne, die die Zofinger nicht mehr offiziell anerkennen müsse.
Einordnung
Die Episode liefert einen detaillierten und faktengesättigten Abriss der Verbindungsgeschichte, der von Mörgelis offensichtlicher Vertrautheit mit dem Milieu profitiert. Das Gespräch ordnet die Zofingia nachvollziehbar in die politische Landschaft des 19. Jahrhunderts ein und benennt ihre prägende Rolle für die liberale Elite.
Die Darstellung bleibt jedoch stark einer Binnenperspektive verpflichtet. Dass es sich bei der Zofingia um eine bildungsbürgerliche, männliche Kaderschmiede handelte, wird nicht problematisiert, sondern als naturgegebener Beitrag zur Staatsbildung präsentiert. Der bis heute praktizierte Ausschluss von Frauen wird zwar knapp erwähnt, aber nicht zum Anlass genommen, das Prinzip der exklusiven männerbündischen Netzwerkbildung grundsätzlich zu hinterfragen. So heißt es lediglich, es stelle sich die Frage, „wie lange sich die Zofinger noch der Aufnahme von Frauen widersetzen, das könnte natürlich auch als Prinzip dann hinfällig werden“ – eine distanziert-beobachtende Formulierung, die eine nationalistische oder antifeministische Motivation ausschliesst.
Hörempfehlung: Für historisch interessierte Hörer:innen, die verstehen wollen, wie sich das Selbstbild einer tonangebenden Studentenverbindung gestaltet, bietet die Episode aufschlussreiches Material.
Sprecher:innen
- Roman Zeller – Moderator, Weltwoche Daily
- Christoph Mörgeli – Historiker, Autor und ehemaliger SVP-Nationalrat