Die Sondersendung des Knastmagazins „Strafzeit“ widmet sich gemeinsam mit dem Treffpunkt e.V. einer oft vergessenen Frage: Wie können inhaftierte Elternteile die Beziehung zu ihren Kindern aufrechterhalten? Zu Gast ist Annika Rausch von der Landesfachstelle „Netzwerk Kinder von Inhaftierten in Bayern“. Das Gespräch bewegt sich abseits von strafrechtlichen Debatten und konzentriert sich auf die praktische und emotionale Arbeit, die nötig sei, damit eine Inhaftierung nicht das endgültige Aus für die Eltern-Kind-Bindung bedeute. Grundlegende Voraussetzung sei dabei, die Kinder nicht mit Lügengeschichten zu konfrontieren, sondern ihnen altersgerecht die Wahrheit zuzumuten.

Zentrale Punkte

  • Ehrlichkeit als Fundament Es wird als zentraler Fehler beschrieben, Kindern eine Abwesenheit etwa als Arbeitsaufenthalt zu erklären. Komme die Wahrheit später ans Licht, sei der Vertrauensbruch weitaus schädlicher als die anfängliche Scham. Stattdessen solle man mit einfachen Bildern arbeiten und etwa erklären, ein Elternteil müsse nun an einem Ort mit vielen Regeln bleiben.
  • Rituale für die Trennung schaffen Um die plötzliche Leerstelle zu füllen, wird empfohlen, gemeinsam mit dem Kind ein Übergangsobjekt zu etablieren. Ein Kuscheltier etwa könne Stellvertreter-Aufgaben übernehmen, die vorher der Vater erledigt habe. So bleibe eine sinnliche Verbindung bestehen, die dem Kind in der neuen Situation Orientierung und Trost biete.
  • Die Welt des Kindes akzeptieren Es wird eindringlich davor gewarnt, die eigenen emotionalen Bedürfnisse auf das Kind zu projizieren. Wenn ein Kind einen lang geplanten Besuch kurzfristig absage, weil es lieber ins Schwimmbad wolle, sei dies eine legitime kindliche Entscheidung. Inhaftierte müssten diesen Schmerz bei sich selbst verarbeiten, ohne dem Kind Schuldgefühle zu machen.

Einordnung

Das Gespräch ist eine praxisnahe und einfühlsame Handreichung für eine Zielgruppe, die im medialen Diskurs meist nur als Täter:innen wahrgenommen wird. Gerade die Absage an gesellschaftliche Stigmatisierung, wonach eine Haftstrafe nicht automatisch elterliche Inkompetenz bedeute, ist eine Stärke der Sendung. Die Moderatorin hakt an den richtigen Stellen nach und gibt Raum für die ausführliche Darstellung kindlicher Bedürfnisse.

Auffällig ist, dass die Hürden des Systems zwar benannt werden, jedoch stets als individuell zu bewältigende Herausforderung erscheinen: Der Tonfall ist durchgehend von der Annahme getragen, dass sich mit guter Vorbereitung und dem Willen zur Bindung fast jede strukturelle Härte abfedern lasse. Dass etwa eine auf eine Stunde pro Monat begrenzte Besuchszeit oder entwürdigende Überwachungssettings die Beziehung auch zerstören können, wird zugunsten des ermutigenden Gestus weniger kritisch vertieft. Die Perspektiven der Kinder selbst oder der nicht-inhaftierten Elternteile auf diese Belastungen bleiben im Gespräch naturgemäß abstrakt. Zitate aus dem rechten Spektrum oder sicherheitspolitische Rechtfertigungen spielen in diesem explizit unterstützenden Format keine Rolle.

Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die in der Sozialarbeit tätig sind oder selbst als Angehörige vor der Herausforderung stehen, einem Kind die Inhaftierung eines Elternteils erklären zu müssen.

Sprecher:innen

  • Annika Rausch – Sozialpädagogin, Landesfachstelle Netzwerk Kinder von Inhaftierten in Bayern
  • Moderator:in – Vom Knastmagazin „Strafzeit“ (Radio Z)