Der Newsletter von Public Notice, verfasst von einem Autor namens Tom unter der Aufsicht von Aaron, nimmt den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung zum Anlass, um die politische Bedeutung des Dokuments im Zeitalter Donald Trumps zu vermessen. Die zentrale These ist ebenso einfach wie wirkmächtig: Trump verkörpert in seiner Amtsführung und seinem Selbstverständnis jene Tyrannei eines Monarchen, gegen die sich die Gründerväter einst auflehnten. Der Text inszeniert das Jubiläum jedoch nicht als patriotische Feierstunde, sondern vielmehr als eine düstere, fast schon ironische Neubewertung dieser historischen Wegmarke unter einem Präsidenten, der ihre Prinzipien verhöhnt.

Der Autor nutzt zwei gegensätzliche Figuren, um seine Argumentation aufzubauen: Thomas Jefferson, den Verfasser der Deklaration, und George Washington, ihren späteren Vollstrecker, der zum eigentlichen Helden der Geschichte wird. Washington wird nicht wegen seiner militärischen Siege verehrt, sondern wegen seiner freiwilligen Machtaufgabe – ein Akt, der als die ursprüngliche, wahrhaft demokratische Tugend stilisiert wird. In einem kraftvollen direkten Zitat aus einer Dokumentation, gesprochen von Martin Sheen, heißt es: „Having now finished the work assigned me, I retire from the great theatre of action...“ Diese Geste des Kontrollverzichts wird zum schärfsten Kontrastmittel zu einem Amtsinhaber, der sich weigert, Grenzen anzuerkennen.

Als Belege für diese Zeitenwende dienen nicht nur historische Analogien, sondern auch zeitgenössische Kulturprodukte. Besonders Ken Burns‘ Dokumentation „The American Revolution“ wird als geschickt verpackte Korrektur einer weiß getünchten Geschichtsschreibung gelobt. Sie fungiere als trojanisches Pferd, das die Erzählungen von Frauen, Sklaven und indigenen Völkern in die heroische Meistererzählung des Unabhängigkeitskrieges einschmuggelt. Die Netflix-Serie „The American Experiment“, die Tom Hanks mitproduzierte, geht noch direkter mit aktuellen Bedrohungen um und thematisiert explizit den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 als einen Gründerväter-Albtraum.

Am deutlichsten wird die politische Stoßrichtung in einer Passage, die einen Zeilenvergleich zwischen König Georg III. und Donald Trump anstellt. Ein Essay von William Becker wird zitiert, der die Klagen der Deklaration Punkt für Punkt auf Trumps Regierungshandeln überträgt: Trumps Zollpolitik entspräche dem königlichen Abschneiden des Handels, seine Einwanderungspolitik dem Unterhalten „stehender Armeen“ und der 6. Januar selbstverständlich der „Erregung innerer Aufstände“. Diese Gegenüberstellung ist rhetorisch äußerst wirkungsvoll, weil sie Trumps Handeln die Aura der originären amerikanischen Ursünde verleiht.

Die argumentative Pointe des Newsletters ist jedoch ein Zitat von Mike Pence, Trumps erstem Vizepräsidenten, der dazu aufruft, die Autorität des Kongresses wiederherzustellen. „AOC? Elizabeth Warren? Jon Ossoff? Nope...“, fragt der Autor mit einer fast theatralischen Geste und enttarnt damit Pence als Kronzeugen. Dieser Schachzug soll beweisen, dass die Bedrohung durch Trump keine Frage linker oder rechter Ideologie ist, sondern eine Verletzung grundlegender republikanischer Prinzipien, die selbst bei manchen Konservativen für Alarm sorgt. Das abschließende Zitat der Princeton-Professorin Elaine Pagels fungiert dann als moralischer Weckruf: Sie mahnt, dass die gefährliche Rückkehr zur Herrschaft durch Angst und Gewalt eine der größten Sorgen der Gründerväter gewesen sei und nun ein erneutes Bekenntnis zur Deklaration nötig mache.

Einordnung

Der Text ist ein mustergültiges Beispiel dafür, wie historische Narrative für gegenwärtige politische Kämpfe instrumentalisiert werden. Seine größte Stärke – die einprägsame Gegenüberstellung von Washington und Trump – ist zugleich seine größte argumentative Schwäche. Indem er Washington als leuchtendes Vorbild an freiwilligem Machtverzicht preist, blendet er weitgehend aus, dass derselbe Washington ein Sklavenhalter war und als Präsident mit der Niederschlagung der Shays‘ Rebellion autoritär gegen Bürger:innen vorging. Der Autor erwähnt diese Widersprüche zwar, tut sie aber als nebensächlich ab, um die reine Lehre der Machtübergabe nicht zu beschmutzen. Die eigentliche Pointe des Textes ist dabei nicht historisch, sondern politisch: Es geht um die moralische Delegitimierung Trumps durch die Berufung auf einen vermeintlich unbestreitbaren Gründungsmythos.

Diese selektive Geschichtserzählung ist das Fundament, auf dem ein klares Anti-Trump-Narrativ errichtet wird. Andere Perspektiven, etwa eine konservative Lesart, die Trumps Kampf gegen den „Deep State“ in der Tradition des Misstrauens gegenüber zentraler Macht sieht, werden vollständig ausgeblendet. Der Newsletter, Teil des progressiven Spektrums, richtet sich an ein Publikum, das seine Prämissen teilt und sucht nach intellektuell zufriedenstellenden, historisch grundierten Argumenten gegen Trump. Er ist daher eine überaus lesenswerte Quelle für alle, die diese politische Grundhaltung teilen und nach klugen, kulturell unterfütterten Argumenten suchen. Für Leser:innen mit einem konservativen Weltbild oder dem Anspruch einer historisch ausgewogeneren Analyse ist der Text jedoch weniger eine Einladung zum Diskurs als vielmehr eine politische Kampfschrift in historischem Gewand.