Der Autor Mike Brock diagnostiziert den endgültigen Zusammenbruch des gesellschaftlichen Tabus gegen offenen Rassismus und Antisemitismus in den USA. Diesen Prozess sieht er nicht als Betriebsunfall, sondern als gezielte Operation, die unter dem schützenden Mantel liberaler Werte wie der Redefreiheit stattfand. Als Ausgangspunkt benennt er eine „linke identitäre Pathologie“ der 2010er-Jahre: Eine von Stiftungen und Diversity-Budgets finanzierte Bewegung, die echten moralischen Fortschritt – etwa die Gleichstellung von Homosexuellen und Transpersonen – durch administrative Kategorien und ständige Sprachregelungen ersetzte. Brock verteidigt diesen Fortschritt kompromisslos, grenzt ihn aber scharf von seinen entfremdeten Verwalter:innen ab.

Diese Pathologie, so seine Kernkritik, schuf die perfekte Angriffsfläche. Die faschistischen Kräfte der Gesellschaft marschierten durch diese offene Tür und nutzten die Redefreiheit als primäres Instrument. Das Argument der „mutigen Freiredner“ ist für Brock nichts als zynische Tarnung. „Der Grundsatz ist nicht der Grundsatz. Der Grundsatz ist das Kostüm“, schreibt er. Wenn rechte Kommentator:innen die Tabus gegen biologistischen Rassismus und Antisemitismus brechen, inszenieren sie dies als liberalen Heldenmut, während sie bei der Verfolgung linker Stimmen schweigen. So werde die alte völkische Hierarchie unter dem Beifall einer gekauften und verirrten Intellektuellenschicht wieder salonfähig.

Die überraschendste Wendung des Newsletters liegt in der strukturellen Gleichsetzung beider Lager. Brock zufolge teilen die korporative Wokeness und der nativistische Mob eine identische Architektur: Beide organisieren Politik um essenzialistische Identitäten, beide werden maßgeblich von Teilen der US-Kapitalistenklasse gesponsert. Netzwerke um Mercer, Thiel und Singer alimentieren die extreme Rechte, genauso wie Konzerngelder die linke Identitätspolitik am Leben erhielten. Der ewige Kulturkampf ist für Brock kein Zufall, sondern ein wirkungsvoller Ablenkungsmechanismus der Superreichen: „Der kulturelle Konflikt ist die notwendige Ablenkung, die die Ingenieure brauchen, um die strukturellen Fragen aus dem Gespräch zu halten.“ Er sieht die arbeitende Bevölkerung als Publikum eines gestellten Schaukampfes, bei dem die eigentlichen Gewinner immer die Geldgeber:innen sind.

Brock ist sich bewusst, dass diese Analyse marxistisch klingt. Er wehrt sich jedoch heftig gegen den historischen Materialismus und dessen metaphysische Grundlagen. Stattdessen verortet er sich in einem radikalen, auf Sinnstiftung basierenden klassischen Liberalismus: "Fuck the Marxists, with respect. Ich bleibe fest liberal." Von dieser Warte aus fordert er den aufrichtigen Liberalismus eines John Stuart Mill zurück, der sehr wohl starke gesellschaftliche Tabus gegen Hass mit absoluter Redefreiheit vereinen kann – und so das Prinzip gegen den Missbrauch als Kostüm in Stellung bringt.

Einordnung

Der Text liefert eine brillant formulierte, aber unverhohlen einseitige Fundamentalkritik. Brock nimmt konsequent die Perspektive eines heimatlos gewordenen, kämpferischen Liberalismus ein. Diese Position offenbart argumentative Schwächen, wenn sie die politischen Gegner:innen allesamt als zynische Marionetten der Kapitalfraktionen darstellt und ihnen jegliche genuine Überzeugung abspricht. Die These vom gesteuerten Kulturkampf ist interessant, aber empirisch nur angedeutet und letztlich eine mechanistische Vereinfachung komplexer ideologischer Konflikte. Brocks Stil wirkt dadurch eher wie ein moralischer Klärungsversuch für das eigene Lager als wie eine ergebnisoffene Analyse. Politisch ist der Newsletter hochrelevant, da er die Allianz von Tech-Milliardären und neurechter Ideologie präzise benennt. Er ist besonders für jene Liberale lesenswert, die die falsche Wahl zwischen identitärer Linke und autoritärer Rechte satthaben. Wer jedoch eine multiperspektivische Debatte sucht, wird hier eine klare Lesewarnung erhalten müssen: Brocks Polemik pathologisiert die Gegenseite, anstatt sie zu verstehen.