René Martens, freier Medienjournalist, nimmt in dieser Ausgabe des MDR-„Altpapier“ die Berichterstattung über den Libanonkrieg und den anhaltenden Gazakrieg scharf in den Blick. Ausgangspunkt ist der Befund, dass Medien ihre Aufmerksamkeit derzeit stärker auf den Libanon richten, während das Leid in Gaza aus den Schlagzeilen verschwindet – obwohl dort laut der israelischen Zeitung „Haaretz“ selbst nach der verkündeten Waffenruhe kaum eine Veränderung eingetreten ist. Ein Fotograf aus Gaza wird mit den Worten zitiert, mehr als 20.000 getötete Kinder würden von der Weltöffentlichkeit nicht mehr wahrgenommen. Dass das Thema dennoch eskalieren kann, zeigt Martens anhand einer „Jung & Naiv“-Sendung, in der der Politikjournalist Albrecht von Lucke durch Herablassung und Übergriffigkeit eine Argumentationskatastrophe auslöst.

Im Zentrum steht die Analyse der medialen Sprachregelungen: Im Falle des Libanon dokumentiert die „New York Times“ mit Satellitenbildern, wie Israel ganze Dörfer und Städte in eine „Trümmerwüste“ verwandelt hat. Dennoch vermeiden viele Redaktionen die Begriffe „Waffenstillstandsverletzung“ oder „Bruch der Waffenruhe“. Stattdessen formulieren sie widersprüchlich, etwa: „Trotz Waffenruhe greift Israels Armee an.“ Der libanesische Architekt Karim Najjar bringt das auf den Punkt: „Die Waffenruhe existiert nur in den Medien.“ Diese sprachkritische Beobachtung leitet über zu einer grundsätzlichen Reflexion darüber, was Journalismus im Krieg leisten müsste.

Martens erinnert an den Schriftsteller John Le Carré, der schon vor zwanzig Jahren fragte, ob man den Krieg gegen den Terror gewinnt, wenn man hundert Zivilisten tötet, um einen Terroristen zu treffen, und dabei fünf neue Terroristen hervorbringt. Ein aktuelles BBC-Porträt eines Beiruter Vaters, der nach der Tötung seines Sohnes durch ein israelisches Bombardement nun die Hisbollah unterstützt, illustriert diese Dynamik. Noch grundsätzlicher wird der Medienkritiker Robert Fisk zitiert, für den die Aufgabe von Auslandskorrespondent:innen nicht in neutraler 50:50-Berichterstattung liegt, sondern darin, „die Machtzentren zu beobachten, besonders wenn sie in den Krieg ziehen und besonders wenn sie dafür Lügen benutzen“. Fisk spitzt zu: Würden wir über den Sklavenhandel des 18. Jahrhunderts berichten, gäben wir dem Kapitän des Sklavenschiffs ebenso viel Raum wie den Sklaven? Seine düstere Antwort für den heutigen Journalismus lautet: Ja.

Einordnung

Martens’ Text versammelt Stimmen, die aus einer macht- und sprachkritischen Perspektive argumentieren: israelische und britische Medienkritiker:innen, libanesische Kulturschaffende und historische Gewährsleute wie Le Carré und Fisk. Ausgeblendet werden offizielle israelische oder westliche Regierungspositionen sowie die Perspektive arabischer Staaten, was in einer Medienkritik aber folgerichtig ist. Die unausgesprochene Annahme lautet, dass journalistische Ausgewogenheit in asymmetrischen Konflikten die Täter:innen schützt und strukturelle Gewalt unsichtbar macht. Dieses Framing ist humanitär und demokratisch, nicht demokratiefeindlich. Die Vergleiche mit Sklavenhandel und NS-Vernichtungslagern sind historisch zugespitzt, dienen aber der Zuspitzung eines medienspezifischen Arguments, ohne die Konflikte gleichzusetzen. Der Newsletter ist besonders für Leser:innen empfehlenswert, die sich für die Macht von Sprache in der Kriegsberichterstattung und die Verantwortung des Journalismus interessieren. Wer einen rein ereigniszentrierten Nachrichtenüberblick sucht, wird hier nicht fündig – wohl aber, wer kritische Reflexion über mediale Routinen schätzt.