Ryan Lizza, der erfahrene Journalist hinter „Telos“, präsentiert in dieser Ausgabe drei thematische Schwerpunkte, die sich alle um Machtmissbrauch und politische Konsequenzen in der zweiten Trump-Administration drehen. Die zentrale und zugleich überraschendste These liefert er gleich zu Beginn: Nicht der Krieg im Iran, nicht die grassierende Korruption und auch nicht die Verachtung für demokratische Institutionen seien die Haupttreiber für Trumps auf 37 Prozent abgestürzte Umfragewerte, sondern schlicht der Benzinpreis.
Lizza untermauert diese monokausale Erklärung mit einer historischen Herleitung und Daten. Er zeigt auf, dass steile Anstiege der Benzinpreise in den letzten 25 Jahren stets die Zustimmungswerte von Präsidenten – von Bush über Obama bis zu Biden – massiv beschädigt haben. Trumps erste Amtszeit sei nur deshalb die Ausnahme gewesen, weil es damals keine drastischen Preisspitzen gab. Nun hingegen sei der Spritpreis innerhalb weniger Monate um 62 Prozent gestiegen, ein noch steilerer Anstieg als der, der Joe Bidens Umfragewerte 2021/22 nachhaltig ruinierte. Lizza warnt, dass die Effekte asymmetrisch seien: Starke Preisanstiege führten zu starken Zustimmungsverlusten, aber sinkende Preise brächten keine äquivalente Erholung. „Die konventionelle Weisheit über Trumps angeblich hohen Zustimmungsboden wird bald getestet werden“, schreibt er und prognostiziert einen anhaltenden Abwärtstrend.
Der zweite Teil des Newsletters ist ein Lehrstück über staatliche Desinformation und Straflosigkeit. Lizza rekonstruiert detailliert den Fall von Julio Sosa-Celis, der im Januar in Minneapolis von einem ICE-Agenten angeschossen wurde. Heimatschutzministerin Kristi Noem und ihre Behörde hatten den Vorfall öffentlichkeitswirksam als versuchten Mord an einem Bundesbeamten dargestellt und eine Geschichte von einem Hinterhalt mit Schaufel oder Besenstiel erfunden.
Wie Lizza unter Berufung auf den Minneapolis Star Tribune berichtet, war nichts davon wahr. Der Beamte schoss in eine Wohnung, die Kugel durchschlug Sosa-Celis‘ Bein und blieb in der Wand eines Kinderzimmers stecken. Frauen und ein unbeteiligter Nachbar wurden wochenlang inhaftiert und von ihren Kindern getrennt. Der ICE-Agent Christian J. Castro erfand die Attacke und wird nun per landesweitem Haftbefehl wegen Körperverletzung und Vortäuschung einer Straftat gesucht. Die Trump-Administration verweigert jegliche Kooperation mit den Ermittlungen. Lizza bettet diesen Fall in eine Reihe von ähnlichen Vorfällen ein, darunter die tödlichen Schüsse auf Renee Good und Alex Pretti, und lobt die Sorgfalt der zuständigen Bezirksstaatsanwältin Mary Moriarty.
Im dritten Teil widmet sich Lizza dem Schicksal der sieben republikanischen Senator:innen, die 2021 für eine Verurteilung Trumps im Amtsenthebungsverfahren stimmten. Mit der Abwahl von Bill Cassidy in Louisiana am Wochenende sei die Bilanz von Trumps fünfjährigem Rachefeldzug jedoch nuancierter als oft dargestellt. Von den sieben sind Susan Collins, Lisa Murkowski und John Curtis – der Nachfolger von Mitt Romney – weiterhin im Amt und haben immer wieder mit Trump gebrochen. Pat Toomeys Sitz ging an die Demokraten. Lediglich Richard Burr, Ben Sasse und nun Cassidy wurden durch verlässliche MAGA-Politiker:innen ersetzt. Cassidy selbst zeigte keine Reue und wird mit den Worten zitiert: „Wenn in meinem Nachruf steht, ‚Er hat für die Verfassung gestimmt‘, dann wird das ein besserer Nachruf sein. Die Abstimmung mag mich meinen Sitz gekostet haben, aber wen kümmert's?“
Einordnung
Lizza, ein Washington-Insider mit exzellenten Quellen, liefert eine pointierte, datengetriebene Analyse, deren größte Stärke – die klare Kausalthese zu Benzinpreisen – zugleich ihre größte Schwäche ist. Die monokausale Zuspitzung blendet andere Faktoren wie den Iran-Krieg, die alltägliche Korruption und den Autoritarismus der Regierung als Erklärungen für den Umfrageabsturz fast vollständig aus und lässt sie als bloßes Rauschen erscheinen. Dieses Framing folgt einer materialistisch-ökonomischen Logik, die komplexe politische Dynamiken stark vereinfacht und die demokratiegefährdende Dimension von Trumps Handeln indirekt verharmlost. Die detaillierte Schilderung des ICE-Falls ist jedoch ein kraftvoller und faktenbasierter Gegenentwurf zur staatlichen Propaganda, wenngleich die Perspektive der betroffenen Migrant:innen selbst kaum Raum bekommt.
Der Newsletter ist lesenswert für alle, die einen scharfsinnigen, wenn auch in seiner Zuspitzung zu hinterfragenden Blick auf die politischen Triebkräfte in den USA suchen. Besonders wertvoll ist er als Korrektiv zur offiziellen Regierungskommunikation.