Die jährliche Umfrage des ISEAS-Instituts in Singapur misst, wie strategische Eliten in Südostasien die Rivalität zwischen den USA und China einschätzen. Gastgeber Mike Green spricht mit Joanne Lin Weiling, die die Erhebung verantwortet. Im Zentrum steht die Frage, wie stabil das Vertrauen in beide Großmächte ist – und was die Verschiebungen für den Zusammenhalt der ASEAN-Staaten bedeuten.

Die Diskussion setzt einige Grundannahmen als selbstverständlich voraus: dass eine Rivalität der Großmächte der Normalzustand ist, auf den Südostasien nur reagieren kann; dass Autonomie und Neutralität die einzig gangbaren Wege für die Region sind; und dass wirtschaftliche Stabilität durch offene Märkte und regelbasierte Ordnung das oberste Ziel bleibt. Eine aktivere, sicherheitspolitisch gestaltende Rolle der ASEAN wird gar nicht erst erwogen.

Zentrale Punkte

  • Gespaltenes Unbehagen gegenüber beiden Großmächten China bleibe wirtschaftlich wie politisch die prägendste Macht, doch die Art der Machtausübung – etwa in Territorialkonflikten – schüre tiefes Misstrauen. Gleichzeitig sei das Vertrauen in die USA unter Trump massiv gesunken, vor allem wegen der Handelspolitik und des als unberechenbar wahrgenommenen Führungsstils.
  • Partnerschaftsfrage als Spiegel der Verunsicherung Zwinge man die Befragten zur Wahl, läge China 2026 mit 52 Prozent knapp vor den USA. Diese drei Prozentpunkte seien jedoch kein strategischer Schwenk, argumentiert Lin, sondern Ausdruck einer wachsenden Verunsicherung gegenüber beiden Mächten und kein Votum für Peking.
  • Fragmentierung statt Blockbildung Die Kluft zwischen maritimen Anrainern wie den Philippinen und kontinentalen Staaten wie Laos vertiefe sich. Während die Frontstaaten akute militärische Bedrohungen spürten, bewerteten andere die Lage eher nach wirtschaftlicher Abhängigkeit. Dieser Graben erschwere eine gemeinsame Linie der Staatengemeinschaft zunehmend.

Einordnung

Das Gespräch leistet eine fundierte Einordnung der aktuellen Umfragedaten und vermittelt glaubhaft den inneren Spannungszustand einer Region, die sich nicht zwischen den Großmächten entscheiden will. Lin differenziert präzise zwischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bedrohungswahrnehmungen und ordnet die Länderunterschiede mit genauer Quellenkenntnis ein. Gerade die wiederholte Mahnung, marginale Verschiebungen in der „Zwangswahl“-Frage nicht als Trend misszuverstehen, ist journalistisch wertvoll.

Die Einordnung bleibt jedoch nah an den Denkmustern der befragten Eliten. Dass ASEAN-Staaten vor allem reagieren, nicht gestalten können, wird nicht hinterfragt. Alternative Perspektiven, etwa von zivilgesellschaftlichen Stimmen, die wirtschaftliche Verwundbarkeit anders gewichten oder Abhängigkeiten von China schärfer kritisieren, blendet das Gespräch aus. Die Rolle Taiwans wird als marginale Sorge vermerkt, die tiefe strategische Diskrepanz zu den Verbündeten in Nordostasien und Australien aber nicht vertieft. Auch dass die Sorge um US-Unberechenbarkeit in muslimisch geprägten Ländern wie Indonesien mit kulturellen Identitätsfragen verknüpft sein könnte, wird nur gestreift. Die Prämisse, ASEAN sei als diplomatische Plattform wertvoll, in der Krise aber handlungsunfähig, steht unwidersprochen im Raum. Ein Zitat macht die zentrale, paradoxe Position der Region deutlich: „This is less a vote of confidence in Beijing than a warning sign for Washington.“ Es zeigt, wie sehr die Umfrage als Instrument gelesen wird, Signale zu senden, nicht politische Präferenzen abzubilden.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum Südostasien sich nicht einfach in ein Lager ziehen lässt und wie brüchig Vertrauen in Washington geworden ist.

Sprecher:innen

  • Michael Green – Henry-Kissinger-Lehrstuhl am CSIS; CEO des United States Studies Centre in Sydney
  • Joanne Lin Weiling – Senior Fellow, ASEAN Studies Centre, ISEAS–Yusof-Ishak-Institut, Singapur; Gastwissenschaftlerin am MIT