Herbert Auringer geht in dieser Episode den Grundwidersprüchen bürgerlicher Gesellschaftsordnungen nach: Dass der Kapitalismus auf Freiheit, Gleichheit und Eigentum beruhe, sei keine Verfälschung dieser Ideale, sondern deren konsequente Verwirklichung. Mit ausführlichen Marx-Zitaten – vor allem aus den „Grundrissen“ und dem „Kapital“ – wird argumentiert, dass gerade das Geldsystem ein System der Gleichheit und Freiheit sei, das sich jedoch notwendig in Ungleichheit und Unfreiheit verkehre. Wer auf dem Markt nichts als seine Arbeitskraft besitze, sei frei und gleich darin, diese zu verkaufen – und genau darin vom Kapital abhängig.

Die Analyse greift bis zur Menschenrechtserklärung von 1789 zurück und verfolgt, wie der Staat durch die Gewährung von Bürgerrechten nationale Kollektive schafft, soziale Unterschiede im Namen des „gemeinen Nutzens“ festschreibt und die Geschlechterdifferenz rechtlich befestigt. Aktuelle Debatten um Wehrpflichtverlängerung oder Gleichbehandlungsgesetze dienen als Anschauungsmaterial für die These, dass Gleichheit und Freiheit keine emanzipatorischen Prinzipien seien, sondern die logische Form der Waren- und Lohnarbeitsgesellschaft.

Zentrale Punkte

  • Freiheit und Gleichheit – bereits verwirklicht Das Geldsystem selbst sei das wahre System von Freiheit und Gleichheit, argumentiert Auringer mit Marx. Dass diese Prinzipien sich in ihr Gegenteil verkehrten, sei keine Störung, sondern die notwendige Folge ihrer Verwirklichung als Warentausch und Lohnarbeit.
  • Menschenrechte als Bürgerrechte Die unveräußerlichen Rechte von 1789 – Freiheit, Eigentum, Sicherheit – würden durch den Staat erst geschaffen, seien aber an nationale Zugehörigkeit gebunden. So würden soziale Unterschiede legitimiert und Eigentumslose in Abhängigkeit zur besitzenden Klasse gesetzt.
  • Gleichheitsforderung als Leerformel Die Berufung auf Gleichheit übersehe regelmäßig, was konkret gleich sein solle und warum die postulierte Gleichheit nie real geworden sei. Politische Entscheidungen über Gleichheit oder Ungleichheit würden als bloße Anpassung an vorgefundene Unterschiede dargestellt – etwa beim Geschlechterverhältnis oder Wehrdienst.

Einordnung

Auringers Monolog entfaltet eine dichte und kenntnisreiche Marx-Exegese, die den Zusammenhang von Recht, Staat und Kapitalverhältnis konsequent durchdenkt. Die Stärke liegt darin, gängige Beschwerden über Ungleichheit als im System selbst angelegt zu entlarven und den legitimatorischen Kern von Menschenrechten und Gleichbehandlungsgesetzen freizulegen. Dass die Episode mit konkreten Anlässen – einer Veranstaltungsankündigung, aktuellen Rechtsfällen wie dem „Zopfverbot“ beim Bundesheer oder der Wehrpflichtdebatte – arbeitet, verankert die abstrakte Theorie im politischen Alltag und macht die Argumentation nachvollziehbar.

Die Darstellung setzt allerdings eine gewisse Vertrautheit mit Marx‘scher Terminologie und dialektischer Argumentation voraus. Wer diese nicht mitbringt, könnte den langen Zitatpassagen und dem dichten Räsonnement nur schwer folgen. Der Vortrag bleibt zudem ganz in der Traditionslinie der Kritik der politischen Ökonomie; Gegenpositionen oder Einwände aus anderen Denktraditionen – etwa feministische oder postkoloniale Perspektiven auf Rechte und Gleichheit – werden nicht erwähnt. Der ironisch-distanzierte Duktus kann die analytische Schärfe tragen, birgt aber die Gefahr, dass die existenzielle Dimension der geschilderten Abhängigkeitsverhältnisse hinter der Formulierungskunst zurücktritt.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen mit Interesse an marxistischer Rechtstheorie und Ideologiekritik bietet die Episode eine fundierte, sprachlich ausgefeilte Auseinandersetzung mit dem Gleichheitsversprechen des bürgerlichen Staats.

Sprecher:innen

  • Herbert Auringer – Gestalter des Audio-Podcasts „kein Kommentar", kommentierend und rezitierend