In der aktuellen Episode diskutieren die Hosts Melanie Büttner und Sven Stockrahm mit der Paartherapeutin Julia Henchen über Alltagserschöpfung, Mental Load und sexuelle Unlust. Ausgangspunkt des Gesprächs ist die Beobachtung, dass ein Rückgang der Intimität in heterosexuellen Beziehungen gesellschaftlich oft als individuelles Defizit gerahmt wird. Dem setzen die Sprecher:innen die Perspektive entgegen, dass Lust und Unlust tief in familiären und patriarchalen Strukturen verwurzelt seien. Die Diskussion dekonstruiert die medizinische Pathologisierung fehlender weiblicher Lust und fokussiert sich stattdessen auf das Konzept der „sexuellen Kehrarbeit“. Dabei wird in der Gesprächsführung als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die ungleiche Verteilung von emotionaler Arbeit die direkte und primäre Ursache für Beziehungskrisen ist. Paartherapie wird explizit nicht als neutraler Vermittlungsraum verstanden, sondern erfordere eine klare feministische Grundhaltung, um bestehende Machtasymmetrien überhaupt aufdecken zu können. ### Zentrale Punkte * **Strukturelle Ursachen von Unlust** Henchen argumentiere, dass sexuelle Unlust selten ein individuelles Problem sei. Sie resultiere vielmehr aus mangelnden Kapazitäten, die durch ungleich verteilte Kehrarbeit und Mental Load entstünden. * **Das Konzept sexueller Kehrarbeit** Es werde beschrieben, dass Frauen oft sexuelle Kehrarbeit leisteten. Sie regulierten häufig die Spannungen des Partners durch sogenannten Pflichtsex, primär um familiäre Konflikte zu vermeiden. * **Männliche Rollenerwartungen** Die Therapeutin führe aus, dass auch Männer unter patriarchalen Vorgaben litten. Es werde gesellschaftlich von ihnen erwartet, stets sexuell leistungsbereit zu sein, was enormen Druck erzeuge. * **Feminismus in der Therapie** Henchen betone, dass eine funktionierende Paartherapie niemals neutral sein könne. Eine feministische Haltung sei zwingend notwendig, um Machtstrukturen und bestehende Ungerechtigkeiten aufzubrechen. ### Einordnung Die Episode verschiebt den gesellschaftlichen Diskurs gekonnt: Sexuelle Störungen werden entpathologisiert und stattdessen als Resultat erschöpfender Lebensrealitäten analysiert. Das theoretische Konstrukt der "sexuellen Kehrarbeit" wird durch die Praxisbeispiele der Therapeutin verständlich und greifbar gemacht. Henchen rahmt das Private dabei konsequent als gesellschaftliches Thema, wenn sie konstatiert: „Lust ist auch ein politisches Thema an der Stelle“. Auffällig ist jedoch, dass die Diskussion fast ausschließlich in einem binären, heteronormativen Rahmen verbleibt. Obwohl marginalisierte Gruppen kurz erwähnt werden, stützen sich alle Argumentationslinien auf den klassischen Mann-Frau-Gegensatz. Zudem wird ein feministischer Grundkonsens beim Publikum unhinterfragt vorausgesetzt. **Hörempfehlung**: Für Personen, die festgefahrene Beziehungsdynamiken jenseits von individueller Schuldsuche betrachten und die strukturellen Aspekte von Intimität reflektieren möchten. ### Sprecher:innen * **Melanie Büttner** – Ärztin, Sexual- und Psychotherapeutin, Co-Host * **Sven Stockrahm** – Leiter des Wissenschaftsressorts bei der ZEIT, Co-Host * **Julia Henchen** – Paar- und Sexualtherapeutin, Autorin