Ob Europa im Vergleich zu den USA ökonomisch zurückfalle, sei eine wiederkehrende Debatte – befeuert durch den Draghi-Bericht und aktuell durch eine Auseinandersetzung zwischen den Nobelpreisträgern Paul Krugman und Philippe Aghion. Die Diskussion werde dabei nicht nur mit Daten, sondern auch mit grundlegenden Annahmen darüber geführt, was wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand überhaupt bedeuten. Im Kern gehe es um einen Statistikstreit: Krugman argumentiere, die häufig bemühten, dramatischen Produktivitätsunterschiede beruhten auf einem Messverfahren, das die Preisverfälle im US-Techsektor nicht korrekt abbilde. Ein anderer Blickwinkel zeige vielmehr einen seit Langem stabilen Abstand zwischen beiden Wirtschaftsräumen.

Der Streit führe direkt zu weiteren Grundsatzfragen: Wenn enorme Produktivitätssteigerungen in Kaliforniens Tech-Industrie sich nicht in breitem amerikanischem Wohlstand niederschlagen, was bedeute dann „produktiv sein“? Und wenn die EU ohnehin von diesen Technologien profitiere, wozu brauche es dann eine Industriepolitik, die auf eigene Produktion setzt? Die Episode wechselt dann zu einer Fallstudie, die diese geopolitischen Fragen der Arbeitsteilung konkret macht: Marokkos historisch verwobene und ökonomisch zunehmend bedeutsame Rolle als verlängerte Werkbank Europas – und als Einfallstor für China.

Zentrale Punkte

  • Produktivitätsmessung als Zerrbild Die Darstellung, die USA seien produktiver, beruhe oft auf einem Index, der Preise aus einem Basisjahr einfriere. Krugman zeige, dass dieses Verfahren Gewinne im IT-Sektor aufblähe, weil es sinkende Preise ignoriere. Vergleiche man die Werte jährlich, gebe es kaum ein Auseinanderdriften zwischen den USA und Europa.
  • Zirkuläre Debatte um Wohlstand Die Frage, ob Amerika oder Europa wohlhabender sei, hänge gänzlich vom Maßstab ab. Vergleiche man Lebenserwartung, Kinderarmut oder Inhaftierungsraten, stehe Europa glänzend da. Stelle man aber auf den Konsum kalifornischer Eliten oder große Vorstadthäuser ab, erscheine die US-Seite überlegen. Eine objektive Wahrheit gebe es in dieser Frage nicht.
  • Industriepolitik und Technologie-Absorption Aus der Statistik-Debatte folge, dass es ökonomisch nicht zwingend nötig sei, jede Spitzentechnologie selbst herzustellen. Entscheidend sei die Fähigkeit, anderswo produzierte Technologie effizient zu nutzen – etwa in Bildung, Verwaltung oder Finanzen. Nationale Sicherheitsinteressen könnten dennoch eigene Kapazitäten erfordern, eine rein ökonomische Begründung sei aber brüchig.
  • Marokkos Balanceakt zwischen EU und China Marokko habe sich als kostengünstiger Produktionsstandort für die europäische Autoindustrie etabliert. Europa sehe das mit Wohlwollen, fürchte aber chinesische Investitionen als mögliches Einfallstor für unfairen Wettbewerb. Aus marokkanischer Sicht sei die europäische Haltung widersprüchlich, da das Land dringend alle Investitionen benötige, um hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Einordnung

Die Episode entmystifiziert einen aufgeladenen ökonomischen Streit unter Nobelpreisträgern, indem sie geduldig die technischen Grundlagen der Datenerhebung offenlegt. Das Gespräch vermittelt eindrücklich, dass viele vermeintlich objektive Wirtschaftsindikatoren das Ergebnis kontingenter Annahmen sind. Damit wird das Format seinem selbstgesteckten Anspruch gerecht, Analysetiefe zu bieten und rituelle Klagen über Europas „Abstieg“ zu hinterfragen.

Kritisch bleibt anzumerken, dass Stimmen aus dem unmittelbaren Marktgeschehen oder gewerkschaftliche Perspektiven auf die Verteilungsfrage fehlen, was in einem Expertengespräch aber erwartbar ist. Die Annahme, dass die kostengünstige Nutzung externer Technologien für europäischen Wohlstand ausreiche, wird nicht mehr systematisch an möglichen Abhängigkeiten etwa im KI-Bereich gemessen. In der Marokko-Diskussion gelingt der Perspektivwechsel hin zum marokkanischen Standpunkt besser, auch wenn die innere Repression nur gestreift wird. Die zentrale ökonomische Prämisse, dass Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum unhinterfragte Ziele sind, prägt den Diskurs, wie Tooze mit dem Satz illustriert: „no one disputes that there are differences between Europe and the United States. It's just that when you load them up with a concept like productivity, it sounds as though it's a one-way street.“ (Adam Tooze) Genau diese vermeintliche Einbahnstraße legt die Diskussion als Konstruktion frei.

Hörempfehlung: Unbedingt hörenswert für alle, die die oft plakativ geführte Debatte über Europas Wirtschaftskraft mit statistischem Tiefgang verstehen und kritische Distanz zu einfachen Produktivitätsvergleichen gewinnen wollen.

Sprecher:innen

  • Adam Tooze – Professor an der Columbia University und FP-Wirtschaftskolumnist
  • Cameron Abadi – Stellvertretender Herausgeber bei Foreign Policy, Host des Podcasts