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Neurechte Literaturkritik: Wie der Antaios-Podcast Romane auf ihre ideologische Verwertbarkeit abklopft.
Kanal Schnellroda
52 min read4933 min audioIn der Literatursendung des Verlags Antaios besprechen Susanne Dagen, Ellen Kositza und Mark Pommerening Romane von Nava Ebrahimi und Claudio Magris. Die Runde inszeniert sich in Duktus und Anspruch als klassisches bürgerliches Feuilleton, verknüpft die literarische Ästhetik jedoch eng mit einer rechten Gesellschaftssicht.
Als selbstverständlich vorausgesetzt wird dabei die Annahme, der etablierte Literaturbetrieb sei durchweg politisch gesteuert und prämie lediglich linke Gefälligkeitsliteratur. Literarische Figuren mit Migrationsgeschichte werden im Gespräch pauschal als künstliche Zugeständnisse an den Zeitgeist gelesen. Ebenso normalisiert die Runde Vokabular aus dem radikal rechten Spektrum, indem linksliberale Leitmedien beiläufig und unhinterfragt mit NS-Analogien belegt werden.
### Zentrale Punkte
* **Ebrahimis Roman als Zeitgeist-Kitsch**
Die Diskutant:innen bemängeln, Ebrahimis Buch sei politischer Kitsch. Die Autorin bediene lediglich modische Themen wie Migration und liefere dem Literaturbetrieb exakt das, was dieser prämiere.
* **Der instrumentalisierte Migrant**
Kositza und Pommerening kritisieren, der Roman nutze ausländische Figuren als bloße Funktionsträger. Der einheimischen Bevölkerung werde durch den klugen Fremden die eigene Kultur von außen erklärt.
* **Magris und der Ideologieverdacht**
Der Essayband von Magris werde als überladen und belehrend abgetan. Pommerening werfe dem Autor vor, historische Biografien nachträglich moralisch und aus linker Ideologie heraus zu bewerten.
* **Abwertung von Aufarbeitung**
Wenn Magris historische Ungerechtigkeiten oder die Verfehlungen von Intellektuellen vor Diktaturen benenne, werde dies in der Diskussion als störender Füller und moralisierender Kitsch abgewertet.
### Einordnung
Die Episode besticht formal durch eine lebhafte Streitkultur und die hohe Belesenheit der Beteiligten, die komplexe Werke detailreich sezieren. Kritisch ist jedoch, wie nahtlos die Literaturkritik als Vehikel für den rechten Kulturkampf dient. Antirassistische Perspektiven in der Literatur werden pauschal als Ideologie delegitimiert, während der eigene nationalistische Blickwinkel als neutraler Standard gesetzt wird. Besonders problematisch ist die reibungslose Normalisierung rechter Sprache: So wird die Süddeutsche Zeitung beiläufig als „Süddeutscher Beobachter“ bezeichnet – eine direkte, unwidersprochene sprachliche Anlehnung an das NS-Propagandablatt. Dies entlarvt den scheinbar rein literarischen Rahmen als gezielte politische Inszenierung.
**Hörwarnung**: Die unhinterfragte Übernahme von NS-Analogien und die systematische Abwertung von Minderheitenperspektiven machen die Episode primär für die Analyse neurechter Diskursverschiebungen relevant.
### Sprecher:innen
* **Susanne Dagen** – Buchhändlerin und rechte Kulturakteurin
* **Ellen Kositza** – Publizistin und Redakteurin der Zeitschrift Sezession
* **Mark Pommerening** – Regisseur und Autor