In dieser Einzelfolge des Podcasts „99 ZU EINS" widmet sich Sprecher Herbert Auringer einer grundsätzlichen Abrechnung mit dem, was er als „gedankenloses Gleichheitsgedöns" des modernen Feminismus bezeichnet. Die Episode positioniert sich als dritter Teil einer losen Serie, beginnend bei der EU-Transparenzrichtlinie zum Gender Pay Gap. Auringer versucht, den Begriff der Gleichheit selbst zu dekonstruieren: Er werde in der politischen Debatte als eine Art magischer Fetisch verwendet, ohne dass je präzise geklärt werde, wer worin und auf welcher Basis eigentlich gleich sein solle. Als selbstverständlich gesetzt gilt dabei, dass die bestehenden Geschlechterverhältnisse und die kapitalistische Marktwirtschaft als Rahmen unhinterfragt bleiben – und dass eine Kritik, die nur auf Durchschnittsdifferenzen starrt, an den materiellen Lebensrealitäten von Frauen vorbeigehe.

Zentrale Punkte

  • Gleichheit als inhaltsleerer Fetisch Auringer argumentiere, die feministische Forderung nach Gleichheit bleibe notorisch unkonkret und werde nie auf ihren eigentlichen Gehalt hin geprüft. Wer Gleichheit fordere, müsse erst definieren, worin und auf welcher Basis Menschen gleich sein sollen; andernfalls führe die Forderung in medizinischen oder ökonomischen Fragen zu sinnwidrigen Resultaten wie der Nivellierung nach unten.
  • Gender Pay Gap als falsche Problemdiagnose Die Fixierung auf eine statistische Lohnlücke spiegle keine bewusste Lohndiskriminierung wider, sondern schlicht die Folgen unterschiedlicher Erwerbsbiografien, die mit Mutterschutz, Teilzeit und unbezahlter Sorgearbeit systemkonform zustande kämen. Die Debatte übersehe zudem, dass Ungleichheit genauso als Überbezahlung von Männern oder Spitzenmanager:innen reformuliert werden könnte.
  • Gewalt gegen Frauen – kein Problem von „Ungleichheit" Femizide würden in der feministischen Deutung fälschlich auf eine abstrakte „Ungleichstellung" zurückgeführt, was den Blick auf die tatsächlichen Auslöser verstelle. Nicht eine generelle Frauenfeindlichkeit sei die Ursache, sondern die Logik gescheiterter Liebes- und Familienbeziehungen, in denen enttäuschte Besitzansprüche und die Ideologie lebenslanger Partnerschaft in Rache und tödliche Eskalation umschlügen.

Einordnung

Die Episode fordert eine etablierte politische Sprache heraus und weist auf einige Leerstellen hin, die in der Tat selten beleuchtet werden: Dass die Klage über den Gender Pay Gap nichts an den materiellen Erschöpfungszuständen von Frauen ändert und dass die pauschale Beschwörung von „Gleichstellung" den Blick auf die Dynamik tödlicher Beziehungsdramen verstellen kann. Auringers Text arbeitet sich mit einer seltenen Konsequenz daran ab, dass ökonomische Statistiken und moralische Empörung oft an die Stelle einer echten Analyse der Verhältnisse treten – sein Hinweis auf die „Konkurrenzgesellschaft" aus der feministischen Literatur der 1970er Jahre setzt einen interessanten historischen Kontrapunkt.

Das Verfahren ist allerdings monologisch und in weiten Teilen aggressiv verabsolutierend. Stärken und Errungenschaften feministischer Politik – etwa der Ausbau von Frauenhäusern und rechtlichen Schutzinstrumenten – werden zwar erwähnt, aber sofort gegen die Analysen gewendet, die sie hervorgebracht haben. Die Argumentation vereindeutigt ihrerseits dort, wo sie Differenzierung einklagt: Dass Männer töten, wird mit der Normalität monogamer Beziehungsideale erklärt, nicht aber, warum diese Ideale fast ausschließlich Männer zu Mördern machen. Die Gewalt, die aus verletzten Besitzansprüchen entsteht, ist ja keine geschlechtsneutrale Enttäuschung, sondern Ausdruck eines Herrschaftsanspruchs, dessen gesellschaftliche Verankerung Auringer mit seiner Polemik gegen „Gleichheit" letztlich überschreibt. Die Diskussion von Machtverhältnissen und strukturellen Abhängigkeiten wird so in eine Theorie tragischer Zweierbeziehungen aufgelöst. "Die Gegenüberstellung ist jedenfalls absurd. Was heißt denn hier nicht, sondern nicht Beziehungsstreit, sondern Gewaltverbrechen?" – diese Empörung über die sprachliche Rahmung von Femiziden zeigt, wie hier zwei Analyseebenen (die konkrete Beziehungsdynamik und die politische Verortung der Tat) gegeneinander ausgespielt werden, statt sie zu verbinden.

Hörempfehlung: Für alle, die bereit sind, eingeschliffenes politisches Vokabular durch eine fundamentale, bisweilen polemische Kritik auf den Prüfstand zu stellen – weniger als Antwort, sondern als produktive Provokation.

Sprecher:innen

  • Herbert Auringer – Sprecher und Essayist des Podcasts „99 ZU EINS"