Diese Episode des OMR Podcasts ist das Porträt eines radikalen Außenseiter-Erfolgs. Philipp Westermeyer spricht mit Janik Nolden, Mitgründer von Solago (Solarhandel 24), über einen Aufstieg, der so gar nicht in die übliche Startup-Erzählweise von Risikokapital und Verlustgeschäft passt. Im Zentrum steht Noldens persönliche Bekehrungsgeschichte: Der Versuch, ein Geschmackspulver-Startup zu etablieren, scheiterte an der kapitalstärkeren Konkurrenz, woraufhin er beinahe den sicheren Beamtenweg einschlug. Dass er dann doch wieder gründete, wird als Mix aus Notwendigkeit und der Offenbarung dargestellt, dass ein Schulfreund völlig ohne formale Startup-Skills immense Umsätze mit Solarteilen erziele.
Das Gespräch konstruiert einen scharfen Gegensatz zwischen einer als abgehoben beschriebenen "Startup Bubble" und einer pragmatischen Handelslogik, bei der Umsatz und Profitabilität ab Tag eins zählten. Unternehmertum wird nicht als strategische Disruption, sondern als bodenständiges Erkennen eines simplen Versorgungsengpasses erzählt. Dabei wird implizit die Vorstellung verhandelt, dass tatsächliche Wertschöpfung vor allem durch effizienten Handel und nicht durch technologische Neuerfindungen oder große Wagniskapital-Finanzierungen entstehe.
Zentrale Punkte
- Die Erleuchtung durch das Scheitern Nolden schildere sein gescheitertes Getränkepulver-Startup als Lehrstück, bei dem zu viel Fokus auf ein nischiges Premiumprodukt und zu geringes Kapital gegen finanzstarke Konkurrenz wie Waterdrop gestanden hätten. Der wahre Kippmoment sei jedoch die Erkenntnis gewesen, dass ein Bekannter ohne formale Startup-Ausbildung profitabel Extreme-Umsätze mit Solarhandel aus einer Garage gemacht habe, was die eigenen Annahmen über erfolgreiches Unternehmertum permanent entwertet habe.
- Profitabilität als Standard, nicht als Ziel Im Unterschied zur vielfach unprofitablen Konkurrenz, die Nolden in der Startup-Szene verorte, sei Solago vom ersten Balkonkraftwerk an ein Geschäft mit Überschüssen gewesen. Der eigene Logistikaufbau und Direktvertrieb ohne Zwischenhändler seien Kern dieser Strategie, die ohne externe Investoren auskomme und Rücklagen für rasantes Wachstum aus eigener Tasche ermögliche – ein Narrativ, das Eigenkapitalbildung als oberste Priorität setzt.
- Der Kunde will Sicherheit, nicht nur Preis Eine zentrale Beobachtung sei gewesen, dass die Käufer:innen nicht nur den günstigsten Preis suchten, sondern vor allem einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner. Die anfangs aus Kostengründen als Abholstelle genutzte Halle mit Erlebniswelt und die eigene Handynummer auf der Website hätten Kaufbarrieren abgebaut, weil sie der Angst vor Internetabzocke entgegenwirkten – eine Art der Kundenbindung, die sich klar von rein preisgetriebenen Modellen abgrenze.
- Die Installationsbranche umgehen, nicht digitalisieren Nolden argumentiere, dass die Skalierung im Photovoltaik-Markt nicht durch den Aufbau eigener Installationsbetriebe funktioniere, da dort zu viele operative Probleme und schwer kalkulierbare Margen lägen. Stattdessen setze Solago auf extrem vereinfachte, modulare Produktsets und Erklärvideos, die es auch Laien erlaubten, Anlagen selbst zu planen oder nur Teilgewerke an lokale Handwerker zu vergeben – und verschiebe so Last und Risiko der Installation.
Einordnung
Der Podcast inszeniert Janik Nolden als Anti-Helden einer überhitzten Gründerszene, und das mit beachtlichem Effekt. Die Erzählung vom eigenen Scheitern, dem Beinahe-Ausstieg als Lehrer und der fast zufälligen Entdeckung einer Marktlücke ist nicht nur unterhaltsam, sondern bietet einen ungewöhnlichen und praxisnahen Blick auf einen milliardenschweren Handelsmarkt. Detailreiche Anekdoten – etwa zum chaotischen Start mit selbstgemieteten Sprintern und der abenteuerlichen Logistik in einer pseudo-verbauten Halle – machen die unternehmerische Entwicklung greifbar. Die Stärke der Episode liegt darin, dass sie ein radikal anderes Betriebssystem für Wachstum zeigt und die oft unhinterfragte Venture-Capital-Orthodoxie indirekt als unnötigen Umweg erscheinen lässt.
Gerade diese dichotome Erzählung birgt jedoch auch blinde Flecken. Die „Startup Bubble" wird wiederholt als homogenes, realitätsfernes Gebilde karikiert, was den Diskurs über verschiedene Wege der Unternehmensfinanzierung etwas vereinfacht. Unhinterfragt bleibt die Annahme, dass kontinuierliches, rein umsatzgetriebenes Wachstum das natürliche und erstrebenswerte Ziel sei – eine ökonomische Prämisse, die keine Alternativen zur permanenten Skalierung zulässt. Auch die enormen persönlichen Entbehrungen, die nächtlichen Schichten der Gründer, der Verzicht auf Ausschüttungen und das jahrelange Fahren am Existenzminimum, werden zwar geschildert, aber als glorifizierte Gründungsromantik normalisiert, statt sie als möglicherweise dysfunktionale Selbstausbeutung einzuordnen.
Das Gespräch bewegt sich innerhalb eines Mainstream-Konsenses, der Handel, Wachstum und Gewinnmaximierung als selbstverständlichen Erfolgsmaßstab setzt. Noldens Bemerkung über die abgesicherte Beamtenlaufbahn – "kein Stress mit diesen ganzen Sachen, nicht dieses Problem, von Tag zu Tag überleben zu müssen" – verdeutlicht das zugrundeliegende Heldennarrativ, das das wagemutige, prekäre Unternehmertum über jede Form der Sicherheit stellt.
Hörempfehlung: Eine Pflicht-Episode für alle, die verstehen wollen, wie radikales Bootstrapping als Alternative zur Investoren-Abhängigkeit funktionieren kann – und für alle, die sich für die Mechanik eines digitalen Handelsunternehmens im Solarboom interessieren.
Sprecher:innen
- Philipp Westermeyer – Gastgeber und Gründer von OMR
- Janik Nolden – Mitgründer von Solago (Solarhandel 24)