Nach 400 Folgen und etwa 400 gesendeten Stunden steht bei diesem transalpinen Podcast eine Inventur an. Statt eines klassischen Themas haben sich Lenz Jacobsen, Matthias Daum und Florian Gasser diesmal Woche für Woche von ihren Hörer:innen befragen lassen. In der entstandenen Fragestunde bilden die Antworten eine Mischung aus spontanem Geplänkel, privaten Anekdoten und Kommentaren zu ihren drei Ländern. Im Zentrum steht die Selbstdarstellung der drei Moderatoren als ein eingespieltes, aber durchaus reibungsvolles Team, das seine Arbeit ohne großes Recherche-Team bewältige. Der eigene Podcast erscheine dabei als ein Produkt einer „wunderbaren Freundschaft", das gerade wegen der Unterschiede – etwa im Staatsverständnis oder der Ernsthaftigkeit beim Essen – funktioniere. Die Hörerschaft bestehe überproportional aus Menschen mit einem biografischen Bezug zu allen drei Ländern, und das Interesse an Deutschland sei in Österreich und der Schweiz größer als umgekehrt.

Zentrale Punkte

  • Die Hörerschaft als transalpine Community Die geografische Verteilung der Hörer:innen zeige, dass ein Viertel aus der Schweiz, ein Viertel aus Österreich und 40 Prozent aus Deutschland komme. Besonders häufig meldeten sich Menschen mit „Nationen übergreifenden Lebensumständen", was zeige, dass der Podcast eine Art akustischen Treffpunkt für diese mobile Gruppe darstelle.
  • „Ladenhüter" und verpasste Themen Auf einer internen Themenliste stünden seit Jahren unbearbeitete Punkte wie „Byzantinistik", „Herkunftsbezeichnung Lebensmittel" oder „Gastronationalismus". Dass diese nie zum Zug kämen, liege auch daran, dass die drei Moderatoren – mangels eines funktionierenden Archivs – oft nicht mehr wüssten, ob sie ein Thema nicht schon längst besprochen oder nur beim Bier diskutiert hätten.
  • Unterschiede als Format-Prinzip Die größten Meinungsverschiedenheiten unter den drei Gastgebern beträfen die Rolle des Staates und die Frage, ob Essen zelebriert oder nur erledigt werde. Diese inhaltlichen Differenzen würden aber nicht als Problem gesehen, sondern als akzeptierte Grundlage des Formats, bei dem man sich hin und wieder „in die Haare" bekomme.
  • Ski-Nationen ohne Migrationsgeschichte Auf die Frage, warum auf Skipisten kaum Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund zu sehen seien, wird argumentiert, Skifahren werde innerhalb von Familien über Generationen weitergegeben. Familien mit syrischem Migrationshintergrund hätten daher seltener skiaffine Eltern, und oft fehle zudem das nötige Geld für die teuren Winterurlaube – ohne dass diese strukturellen exkludierenden Faktoren weiter vertieft würden.

Einordnung

Die Jubiläumsfolge führt vor, was den Reiz des Formats ausmacht: ein weitgehend unaufgeregtes, manchmal charmant holpriges Gespräch, das nicht auf Expertisen-Posing angewiesen ist und seinen eigenen Status nicht zu ernst nimmt. Die Auswahl der Hörer:innen-Fragen erlaubt eine spielerische Mischung aus scheinbaren Belanglosigkeiten (wie der Verwendung von Dekagramm) und leichter politischer Substanz. Die Offenheit darüber, wie der Podcast entstanden ist und produziert wird, schafft Transparenz und eine gewisse Nahbarkeit.

Was jedoch auffällt, ist der weitgehende Verzicht auf eine kritische Anordnung der angesprochenen Punkte. Der Hinweis auf „offensichtliche" Merkmale eines Migrationshintergrundes bei der Ski-Frage wird nicht hinterfragt, sondern mit schichtspezifischen und kulturellen Erklärungen beantwortet, die zu einer gewissen Festschreibung von Zugehörigkeiten führen, ohne sie weiter zu reflektieren. Das eigene Privileg, von einer Redaktion der ZEIT mit einem solchen Format betraut worden zu sein und über exklusive Netzwerke zu verfügen, wird ironisch gebrochen, aber nicht strukturell eingeordnet. Das Gespräch verbleibt so in einem Modus freundschaftlicher Selbstvergewisserung. Dass drei Männer aus der deutschsprachigen Mehrheitsgesellschaft über eine Region sprechen, ohne diese Perspektive selbst zum Thema zu machen, ist keine Schwäche dieser speziellen Folge, prägt aber dennoch den Blick, mit dem etwa über „transalpine Biografien" verhandelt wird. Die große Stärke bleibt das sichtbare Bemühen, die Eigenheiten der jeweils anderen Länder nicht als Kuriosum, sondern mit echtem Interesse zu behandeln.

Hörempfehlung: Diese Folge lohnt sich für alteingesessene Hörer:innen, die mehr über die Menschen und Arbeitsweisen hinter „Servus. Grüezi. Hallo" erfahren wollen – und Spaß an der unaufgeregten Selbstironie der drei haben.

Sprecher:innen

  • Lenz Jacobsen – Politikredakteur im Feuilleton der ZEIT, Berlin
  • Matthias Daum – Leiter der Schweizer Ausgabe der ZEIT, Zürich
  • Florian Gasser – Leiter der Österreich-Ausgabe der ZEIT, Wien