Zwei Seiten - Der Podcast über Bücher | WDR: Essen – über das, was wir mögen und meiden
** Ein literarisch-kulinarischer Podcast über Essen, Bücher und die kleinen Glücksmomente dazwischen.
Zwei Seiten - Der Podcast über Bücher | WDR
96 min read5268 min audioDiese Folge von *Zwei Seiten* ist ein Fest für alle, die Essen nicht nur als Nahrung, sondern als emotionales Erlebnis begreifen. Christine Westermann und Mona Ameziane tauschen sich über kulinarische Erinnerungen, Essgewohnheiten und die Absurditäten des modernen Lebensmittelkonsums aus – mal nostalgisch, mal selbstironisch, immer persönlich. Im Zentrum stehen nicht nur die eigenen Vorlieben (von verbrannten Weihnachtsplätzchen bis zu marokkanischen Tajines), sondern auch die gesellschaftlichen Zwänge, die sich um Essen ranken: Diätkultur, Lebensmittelverschwendung oder der Druck, als Gastgeber:in perfekt zu wirken. Die Episode verbindet Alltagsbeobachtungen mit literarischen Empfehlungen und einer Prise Humor – ganz ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit der Einladung, über die eigenen Routinen nachzudenken.
### Zentrale Punkte
**Essen als emotionales Archiv**
Christine und Mona beschreiben, wie Gerichte mit Erinnerungen verknüpft sind – sei es Christines Kindheitsliebe zu Dosenpfirsichen oder Monas Sehnsucht nach marokkanischen Tajines. Beide betonen, dass der Geschmack oft weniger vom Rezept als von der Situation abhängt: Wer kocht, auf welchem Teller serviert wird, wer dabei ist. Die Diskussion zeigt, wie Essen Identität stiftet und gleichzeitig generationenübergreifende Rituale transportiert.
**Diätwahn und Essenszwänge**
Die beiden reflektieren kritisch über die gesellschaftliche Erwartung, besonders Frauen müssten ihr Essverhalten ständig kontrollieren. Mona beschreibt, wie sie sich von "Guilty Pleasures" wie Donuts verabschiedet hat, weil ihr langfristiges Wohlbefinden wichtiger wurde. Christine erzählt von ihren gescheiterten Diätversuchen und der Erkenntnis, dass ihr Körpergewicht nicht mit ihrem Selbstwert korreliert. Beide thematisieren das schlechte Gewissen, das mit Genuss einhergeht – sei es beim Big Mac oder beim Wegwerfen von Lebensmitteln.
**Lebensmittelverschwendung und Privilegien**
Mona gesteht, dass sie Lebensmittel oft wegwirft, obwohl sie es bereut, und lobt ihren Partner für dessen strukturierten Umgang mit Vorräten. Christine hingegen hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie Brot entsorgt. Die Diskussion macht deutlich, wie sehr das Thema mit Privilegien verbunden ist: Wer sich leisten kann, wählerisch zu sein, hat auch die Freiheit, Essen abzulehnen – ein Luxus, den sich nicht alle leisten können.
**Kulinarische Trends und Nostalgie**
Die beiden testen Christines Wissen über virale Food-Trends (Cronuts, Cloud Bread, Baked Feta Pasta) und kommen zu dem Schluss, dass viele dieser Phänomene kurzlebig sind. Gleichzeitig wird klar, dass auch "moderne" Küche oft auf traditionellen Techniken aufbaut – etwa beim Fermentieren oder bei der Zubereitung von Fonds. Der Titel von Teresa Präauers Buch *Kochen im falschen Jahrhundert* fasst das Dilemma zusammen: Die Sehnsucht nach authentischen Geschmackserlebnissen kollidiert mit der Realität industrieller Produktion.
### Einordnung
Die Episode besticht durch ihre **authentische, unprätentiöse Erzählweise**. Christine und Mona sprechen nicht *über* Essen, sondern *aus* ihrer persönlichen Perspektive – als Genießer:innen, als Menschen mit Macken, als Teil einer Gesellschaft, die Essen gleichzeitig vergöttert und verteufelt. Besonders gelungen ist die Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefgang: Mal wird über die perfekte Kruste bei überbackenen Nudeln philosophiert, mal über die psychologischen Mechanismen hinter Essenszwängen. Die literarischen Empfehlungen (*Ein Tisch am Fenster*, *Kochen im falschen Jahrhundert*) sind klug gewählt, weil sie die Themen der Folge aufgreifen und vertiefen.
Kritisch anzumerken ist, dass die Episode **kaum strukturelle Perspektiven** einnimmt. Die Diskussion über Lebensmittelverschwendung bleibt auf individueller Ebene verhaftet – Fragen nach politischen Lösungen (z. B. Supermarktregulierung) oder globalen Ungleichheiten werden nicht gestellt. Auch die Reflexion über Diätkultur hätte von einer Einordnung in größere Zusammenhänge (z. B. Kapitalismus, Schönheitsideale) profitiert. Dennoch: Gerade weil die Folge auf Belehrung verzichtet und stattdessen persönliche Geschichten erzählt, wirkt sie **nahbar und unterhaltsam** – ein Podcast, der zum Mitdenken anregt, ohne zu überfordern.
**Hörempfehlung**: Für alle, die Lust auf eine Mischung aus kulinarischem Smalltalk, literarischen Empfehlungen und ehrlichen Selbstreflexionen haben. Besonders lohnend für Hörer:innen, die sich für die emotionalen und gesellschaftlichen Dimensionen von Essen interessieren – ohne erhobenen Zeigefinger.
### Sprecher:innen
* **Christine Westermann** – Journalistin, Moderatorin und leidenschaftliche Genießerin mit Hang zu Big Macs
* **Mona Ameziane** – Autorin, Podcasterin und kulinarische Entdeckerin mit marokkanischen Wurzeln