Antisemitismus-Skandale reißen sich aneinander, die öffentliche Erregung ist groß – und doch scheint die Bekämpfung des Antisemitismus eigentümlich hilflos. Jens Bisky spricht mit dem Soziologen Klaus Holz über dessen Buch „Die Figur des Dritten“ und über die Frage, warum die gegenwärtige Anti-Antisemitismus-Routine so wenig ausrichtet. Im Zentrum steht ein Blick auf Antisemitismus, der nicht bei moralischen Vorwürfen stehen bleibt, sondern die gesellschaftliche Funktion und die eigentümliche Struktur dieser Feindschaft zu fassen versucht. Dabei wird die Diagnose gestellt, dass die ständige Skandalisierung von Antisemitismus weniger der Aufklärung diene als vielmehr der Selbstentlastung derer, die sich empören.
Zentrale Punkte
- Nichts Neues, sondern Zuspitzung Holz sehe in der aktuellen Entwicklung keine fundamentale neue Welle, sondern eine Zuspitzung und zunehmende Sichtbarkeit eines nie verschwundenen Phänomens. Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentriere sich dabei stark auf migrantische oder linke Milieus, was er als „Antisemitismus der anderen“ bezeichne.
- Die Entlastungsfunktion der Skandale Die gegenwärtige Anti-Antisemitismus-Praxis sei erfolgreich im Erzeugen öffentlicher Erregung, aber selbstzerstörerisch, weil sie aufklärerisch nichts bewirke. Die Debatte erschöpfe sich im Austausch pauschaler Vorwürfe und Zurückweisungen, während die eigentliche Frage – woran man Antisemitismus konkret erkennt – kaum verhandelt werde.
- Die Figur des Dritten als Erkennungsmerkmal Entscheidend für Antisemitismus sei nicht einfach Feindschaft, sondern eine spezifische Struktur: Jüdinnen und Juden würden als das Element markiert, das die Ordnung der Gemeinschaft, der Nation oder der Welt zersetze. Dieses Kriterium erlaube eine präzisere Unterscheidung zwischen überzogener Kritik und tatsächlichem Ressentiment.
Einordnung
Das Gespräch leistet eine wertvolle historische und theoretische Einordnung, die den oft kurzatmigen öffentlichen Antisemitismusdebatten entgegengesetzt wird. Besonders stark ist die Darstellung, wie die Fixierung auf migrantischen oder linken Antisemitismus eine entlastende Funktion für die gesellschaftliche Mitte übernimmt und wie sich pro-israelische Positionierung mit antisemitischen Vorstellungen verbinden kann. Auch die These, dass Antisemitismus nicht einfach zu beseitigen, sondern nur einzudämmen sei, ist eine hilfreiche Erinnerung gegen überzogene Heilserwartungen an Präventionsprogramme.
Kritisch bleibt festzuhalten, dass das zentrale Konzept – die „Figur des Dritten“ – im Gespräch letztlich nur angerissen wird. Zwar ist die Unterscheidung von Juden als zersetzendes Element einer Ordnung gegenüber anderen Rassismusformen nachvollziehbar, sie bleibt aber theoretisch-abstrakt und wird kaum mit konkreten gegenwärtigen Äußerungen veranschaulicht. Zudem sprechen hier zwei Wissenschaftler über Antisemitismus, ohne die Perspektive von Jüdinnen und Juden oder ihre konkreten Gewalterfahrungen einzubeziehen; die Analyse verbleibt damit auf einer diskursiven Metaebene. Ein Satz bringt die selbstbezügliche Dynamik der Debatte auf den Punkt: „die einen erheben den Antisemitismusvorwurf, haben aber keine drei Sätze ernsthafter Begründung anzubieten und die anderen weisen ihn genauso pauschal […] zurück.“ (Klaus Holz)
Sprecher:innen
- Klaus Holz – Soziologe und Antisemitismusforscher, ehemaliger Generalsekretär der Evangelischen Akademien
- Jens Bisky – Leitender Redakteur des „Mittelweg 36“, Journalist und Autor