René Martens seziert in seiner heutigen "Altpapier"-Kolumne gleich mehrere aktuelle Fälle, in denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk journalistische Grenzen überschritten hat. Der Medienjournalist, der unter anderem für die "taz" und "epd medien" schreibt, bündelt die Kritik an einem alarmistischen Trend: Der ÖRR öffne sich zunehmend rechten und rechtspopulistischen Deutungsmustern.
Ein zentrales Beispiel ist das NDR/BR-Format "Klar". Gegen eine Folge zum Thema Islamismus liegt nun eine Programmbeschwerde des Islamrats vor. Dessen Vorsitzender Burhan Kesici wirft dem Beitrag vor, sehr unterschiedliche Phänomene "zu einer alarmistischen Unterwanderungserzählung" zu verbinden. Dabei werde eine problematische Nähe zwischen Islam, muslimischer Alltagspraxis und Extremismus konstruiert. Martens teilt diese Einschätzung und hatte bereits zuvor kritisiert, dass "Klar"-Sendungen Themen auf fragwürdige Weise zu einem "apokalyptischen Mosaik" zusammenfügten. Die Schwäche des Formats sei also seit Längerem offensichtlich.
Noch schärfer fällt die Kritik an einem "Tagesthemen"-Beitrag von Jannik Pentz aus. Darin wurde die Meinung von "Nius"-Chefredakteur Julian Reichelt als relevante Debattenposition wiedergegeben. Für Martens ist dies eine unvertretbare Normalisierung: "'Nius' erfüllt nicht nur keine journalistischen Standards, es ist obendrein irrelevanter Nicht-Journalismus." Er zitiert die Schriftstellerin Anne Rabe, die fragt, wie man seine eigenen Feinde, die keinerlei journalistischen Ansprüchen genügten, freiwillig auf eine solche Bühne stellen könne. Die Argumentation des ARD-aktuell-Chefredakteurs Marcus Bornheim, das Zitieren sei "ohne Einordnung" problematisch, greife viel zu kurz.
Eine weitere Grenzüberschreitung ortet Martens bei der "Tagesschau". In einem Beitrag zum neuen ARD-Dialogformat "Was Deutschland verbindet" wurde Gleichberechtigung als "strittiges Thema" bezeichnet. Dies kommentiert er scharf: als wäre es legitim, über die Abschaffung von Artikel 3 des Grundgesetzes zu debattieren. Hier zeige sich eine generelle Angst des ÖRR vor klarer Positionierung, die auch Andersdenkenden rechtsideologischen Positionen Raum gebe.
Einordnung
Martens schreibt aus einer konsequent medienprogressiven Perspektive. Seine Analyse ist parteiisch, aber in ihrem Anspruch transparent: Er will den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gegen dessen schleichende Rechtsverschiebung verteidigen. Unausgesprochen steht dahinter die Annahme, dass der ÖRR eine besondere demokratische Schutzfunktion hat – eine normative Setzung, die nicht alle teilen mögen. Die Perspektive der kritisierten Redaktionen oder Programmdirektionen kommt nur indirekt vor, vermittelt durch deren öffentliche Statements.
Der Text schärft den Blick für die Mechanismen rechter Diskursverschiebung. Er ist hochrelevant für alle, die verstehen wollen, wie mediale Normalisierungsprozesse funktionieren. Lesenswert für Medieninteressierte, die eine pointierte, kritische Einordnung aktueller ÖRR-Debatten suchen – und für all jene, die sich fragen, warum Gleichberechtigung plötzlich wieder zur Disposition zu stehen scheint. Eine klare Leseempfehlung.