Der Sinica Podcast widmet sich diesmal Pedro Sánchez' viertem China-Besuch in vier Jahren – einem Besuch, der vor dem Hintergrund einer offenen Konfrontation zwischen Spanien und Washington stattfand. Spanien hatte zuvor seinen Luftraum für US-Militärflugzeuge im Iran-Krieg gesperrt und den Zugang zu gemeinsam betriebenen Militärbasen verweigert. Kaiser Kuo spricht mit Mario Esteban Rodríguez über die Frage, ob Sánchez eine kohärente außenpolitische Strategie verfolgt oder primär auf Gelegenheiten reagiert. Das Gespräch behandelt Sánchez' Rede an der Tsinghua-Universität, das bilaterale Handelsdefizit, Spaniens Rolle in der EU-China-Politik und den Einfluss Trumps auf die europäische Neuausrichtung gegenüber Beijing. Dabei wird Spaniens China-Politik als langjährig pragmatische Staatspolitik dargestellt, die Sánchez nun mit mehr politischem Kapital und größerer Sichtbarkeit fortführe.

Zentrale Punkte

  • Pragmatismus und Kontinuität als Strategie Sánchez' China-Politik sei keine Reaktion auf Trump, sondern eine seit 2023 konsequent verfolgte Linie: mehr hochrangiges Engagement, mehr politisches Kapital investieren als Vorgänger.
  • Spanische Innenpolitik: Widerspruch zwischen Rhetorik und Praxis Die oppositionelle Volkspartei kritisiere Sánchez öffentlich, aber ihre regionalen Regierungen konkurrierten gleichzeitig aktiv um chinesische Investitionen – eine klare Diskrepanz.
  • Tsinghua-Rede: Kritik eingebettet in Anerkennung Sánchez habe das wachsende Handelsdefizit direkt als untragbar bezeichnet und es mit dem Erstarken rechter Bewegungen verknüpft – formuliert jedoch erst nach dem Aufbau von Glaubwürdigkeit als Multipolaritäts-Befürworter.
  • Trump als Verstärker, nicht als Ursache Trumps Rolle werde oft überschätzt: Er erhöhe Chinas Attraktivität als stabilisierende Kraft und schaffe innenpolitische Chancen für Sánchez, aber Spaniens China-Engagement bestehe unabhängig davon seit Jahren.

Einordnung

Das Gespräch liefert eine quellennahe, differenzierte Einordnung von Spaniens China-Politik durch einen ausgewiesenen Experten mit direktem Zugang zur spanischen Außenpolitik. Mario Esteban Rodríguez bringt historische Tiefe ein – etwa Spaniens frühe Rückkehr nach Tiananmen oder die Debatte über das Waffenembargo –, was die These der langen Kontinuität überzeugend untermauert. Besonders stark ist der Abschnitt über die Bedingungen, unter denen andere EU-Staaten dem spanischen Ansatz folgen würden: nicht durch diplomatischen Vorbildcharakter allein, sondern nur dann, wenn China konkrete Gegenleistungen erbringe.

Kritisch fällt auf, dass das Gespräch die eigene Wertung des Gastes gegenüber Sánchez' Strategie kaum kritisch hinterfragt. Der Podcast-Host lobt die Tsinghua-Rede ausdrücklich als rhetorisches Meisterstück, und Esteban Rodríguez stimmt weitgehend zu – die Frage, ob die Auslassung von Menschenrechten strategisch klug oder moralisch problematisch ist, wird zwar angesprochen, aber letztlich zugunsten des Pragmatismus aufgelöst. Dass China in der Episode fast ausschließlich als Objekt spanischer Diplomatie erscheint – nicht als eigenständiger Akteur mit spezifischen Interessen –, bleibt eine strukturelle Leerstelle. Ebenso wenig wird die Frage vertieft, inwiefern das Handelsdefizit (China deckt 74 Prozent von Spaniens gesamter Handelslücke) die verhandelte Partnerschaft auf Augenhöhe strukturell untergräbt.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie ein mittelgroßes EU-Land versucht, zwischen Washington und Beijing eigenständige Außenpolitik zu gestalten – und was das für die breitere europäische China-Debatte bedeutet.

Sprecher:innen

  • Kaiser Kuo – Moderator, Journalist und China-Experte, lebt in Beijing
  • Mario Esteban Rodríguez – Professor, Autonome Universität Madrid; Senior Fellow am Elcano Royal Institute