Der Historiker Götz Aly stellt im Gespräch mit der FALTER-Journalistin Barbara Tóth die These seines Buches „Wie konnte das geschehen“ vor: Nicht allein die sogenannte NS-Ideologie habe die deutsche und österreichische Bevölkerung zur Mittäterschaft oder stillen Duldung der Verbrechen bewogen. Vielmehr habe das Regime die Menschen durch materielle Vorteile, soziale Absicherung und das Versprechen auf Wohlstand an sich gebunden. Aly beschreibt dies als ein System der „Bestechung“, das von Schuldenmachen, der Enteignung der jüdischen Bevölkerung und schließlich der rücksichtslosen Ausplünderung der besetzten Gebiete lebte. Das Gespräch beleuchtet, wie das NS-Regime ganz gezielt das Eigeninteresse der „arischen“ Bevölkerungsmehrheit bediente und so eine stabile Herrschaft ohne massenhaften Widerstand ermöglichte.

Die Diskussion kreist um das Verhältnis von Verführung und Gewalt. Aly argumentiert, die Zustimmung zum Regime sei weniger das Ergebnis blinder, charismatischer Verführung gewesen, sondern auf einer sehr rationalen Wahrnehmung von Vorteilen gegründet. Der reale oder versprochene Zugriff auf Geld, Posten, Eigentum und soziale Leistungen diente als zentrales Machtinstrument. Erst als die Skepsis wuchs und der Krieg aussichtslos wurde, sei an die Stelle der Verführungskraft endgültig die nackte Angst vor der Rache der Geschädigten getreten, was das Durchhalten bis zum bitteren Ende erkläre.

Zentrale Punkte

  • Soziale Bestechung statt Ideologie Der Begriff der NS-Ideologie sei eine Leerformel. Die Machttechnik des Regimes habe vielmehr in „sozialer Bestechung“ bestanden, etwa durch einen fantastischen Umtauschkurs für die Reichsmark oder die Neuverteilung von Posten und Eigentum jüdischer Bürger:innen. Die Menschen hätten aufgrund ihres sehr direkten persönlichen Vorteils gehandelt und selten grundsätzlicher Zustimmung.
  • Schulden, Raub und Krieg als Finanzierung Die großzügigen Sozialgeschenke seien nie nachhaltig finanziert gewesen, sondern beruhten auf verheimlichter Staatsverschuldung, kalter Enteignung der jüdischen Bevölkerung und ab 1939 auf der brutalen Ausbeutung der besetzten Länder. Der Angriff auf die Sowjetunion wird als ein von vornherein als Vernichtungskrieg geplanter Raubzug beschrieben, um die maroden Staatsfinanzen zu sanieren.
  • Euthanasie als erster Schritt der Gewöhnung Die Ermordung von 60.000 psychisch kranken und behinderten Menschen unter dem Deckmantel der Kriegswirren sei als Testlauf für die Akzeptanz von Massenverbrechen zu verstehen. Die Familien seien bewusst in die Ausgrenzung und den Verwaltungsakt des Mordes einbezogen und durch den Wegfall sozialer Bürden und Stigmatisierung zu Komplizen gemacht worden, was späteren Widerstand unmoralisch erscheinen ließ.
  • Durchhalten aus Angst vor Rache Die militärisch sinnlose Fortsetzung des Krieges bis zur völligen Zerstörung erklärt Aly mit dem kollektiven Wissen um die Schuld. Spätestens mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und den öffentlichen Deportationen seien die Verbrechen allgemein bekannt gewesen. Das habe keinen Aufstand, sondern ein trotziges und zugleich angstvolles Durchhalten motiviert, da eine Vergeltung der Alliierten, vor allem der Roten Armee, als unausweichlich und existenzvernichtend gefürchtet wurde.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine dichte und quellengesättigte Darstellung von Götz Alys Forschung. Die große Stärke liegt in der detailreichen Erweiterung der Perspektive auf den Nationalsozialismus: Es geht um die materielle, fast buchhalterische Basis der Zustimmung. Die von Aly angeführten Anekdoten, vom Schulheft des jüdischen Erstklässlers bis zu den Todesanzeigen ohne Hitlergruß, machen die Mechanismen von Anpassung und stiller Distanzierung auf einer sehr persönlichen, nachvollziehbaren Ebene greifbar. Alys These, dass das Profitieren eine wichtigere Antriebsfeder war als abstrakte politische Überzeugungen, ist eine wichtige Korrektur zu einer rein auf Propaganda und Terror verengten Sichtweise.

Die Analyse bleibt jedoch an manchen Stellen eigentümlich verkürzt. Indem Aly den Begriff der „Ideologie“ vollständig verwirft und jede politische Handlung auf eine Art nutzenmaximierende, fast anthropologisch konstante Verhaltensweise zurückführt, neigt er dazu, die spezifisch rassistische Welterklärung der Nazis zu entkernen. Die sozioökonomischen Hebel, die er beschreibt, funktionierten nur, weil ein die Gesellschaft durchdringender eliminatorischer Antisemitismus den Raub an den Nachbar:innen nicht nur erlaubte, sondern als gerechtfertigt erscheinen ließ. Der Satz „Mit Speck fängt man Mäuse“ wird als universelle Machttechnik präsentiert, was die Frage aufwirft, ob der monströse Erfolg der NS-Herrschaft so nicht nachträglich etwas zu rational und geschäftsmäßig-normal erscheint. Zudem führt die behauptete Ähnlichkeit der „sozialen Bestechung“ zu heutigen Sozialpolitiken, wie von Moderatorin Barbara Tóth angesprochen, zu einer problematischen Einebnung unterschiedlicher historischer und politischer Kontexte. Kritisch auffallend ist das Lachen des Publikums an einer Stelle, an der Aly die perfiden Fragebögen zur Patient:innen-Selektion für die „Euthanasie“-Morde als eine Art zynische Erfolgsgeschichte der Verwaltung vorliest – ein Beispiel dafür, wie die Diskursführung die ungeheure Brutalität hinter den geschilderten Verwaltungsakten streckenweise vergessen macht.