Roger Köppel spricht mit dem ehemaligen NATO-General Harald Kujat über die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg. Das Gespräch kreist um die Frage, wie nah Europa an einem großen Krieg steht. Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass der Westen durch eine schrittweise Eskalation – Waffenlieferungen, Manöver nahe der Front, Pläne für einen Raketenabwehrschirm über der Ukraine – immer tiefer in den Konflikt hineingezogen werde und Russland dies als zunehmende Bedrohung wahrnehme. Köppel steuert eigene Eindrücke aus Gesprächen in Russland bei, die das Bild einer fast unausweichlichen Konfrontation zeichnen. Die Diskussion bewegt sich durchgehend im Rahmen militärstrategischer Logik; wirtschaftliche Interessen, zivilgesellschaftliche Perspektiven oder die Handlungsmacht der Ukraine selbst treten dahinter zurück.

Zentrale Punkte

  • Krieg der kleinen Schritte Die westliche Eskalation erfolge in vorsichtigen Stufen und warte die russische Reaktion ab, während Russland eine hohe Toleranzschwelle habe, dann aber hart zurückschlage. Die Gefahr liege darin, dass niemand genau wisse, wo diese Schwelle verlaufe.
  • Vorbedingungen als Verhandlungsblockade Forderungen der „Koalition der Willigen“ wie ein NATO-Beitritt der Ukraine oder westliche Schutztruppen seien aus russischer Sicht inakzeptabel und würden Friedensverhandlungen verhindern, statt sie zu ermöglichen. Verhandeln müssten ohnehin allein die Kriegsparteien.
  • Fehlende Eskalationsdominanz des Westens Europa eskaliere aus einer Position der Schwäche heraus, ohne auf eine militärische Reaktion Russlands adäquat antworten zu können. Es sei widersprüchlich, Putin einerseits als irrationalen Aggressor darzustellen und sich andererseits auf seine Zurückhaltung zu verlassen.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine seltene, detaillierte militärstrategische Analyse der Eskalationsmechanismen aus Sicht eines hochrangigen ehemaligen NATO-Offiziers. Kujat benennt konkret, welche Schritte – etwa gemeinsame Manöver oder ein integrierter Raketenschirm – als Kriegseintritt interpretiert werden könnten, und fordert eine Rückkehr zu Rüstungskontrolle und direkten Gesprächen mit Russland. Seine Argumentation ist in sich schlüssig und verweist auf historische Parallelen wie die Gleichgewichtsstrategie Helmut Schmidts.

Kritisch zu sehen ist jedoch, wie Köppel russische Quellen einführt. Den Oligarchen Andrej Melnitschenko und besonders den als „hochintelligent“ bezeichneten Propagandisten Wladimir Solowjow präsentiert er als ernstzunehmende Stimmen, deren Darstellung einer „unausweichlichen“ Eskalation unwidersprochen im Raum stehen bleibt. Die Aussage, Russland werde „jetzt diesen Krieg eskalieren“ müssen, weil der Westen sonst übermächtig werde, wird nicht als Rechtfertigungsnarrativ eingeordnet, sondern als Teil einer scheinbar objektiven „Feindbeobachtung“. Zitate aus dem Gespräch mit Solowjow werden wie folgt eingeleitet: „Und dann sagt er folgendes, und da würde mich ihre Meinung interessieren.“ – hier wird einer Person, deren Rolle im russischen Propagandaapparat bekannt ist, ohne kritische Rahmung Raum für strategische Drohkulissen gegeben.

Perspektiven von ukrainischer Seite, etwa zur Frage, warum das Land Waffenlieferungen und Sicherheitsgarantien einfordert, fehlen vollständig. Die Ukraine erscheint überwiegend als Objekt westlicher oder russischer Strategie, nicht als eigenständig handelnder Staat. Auch die wiederholte Erwähnung von „Korruption“ als Hinderungsgrund für einen NATO-Beitritt bleibt pauschal und wird nicht mit der Frage verbunden, ob andere NATO-Mitglieder diese Standards durchgehend erfüllen.