Der Verfassungsblog-Newsletter eröffnet mit einem tiefgründigen Editorial von Victor Loxen, das im Rahmen der Reihe „Hinter den Kulissen“ den kreativen Prozess in Zeiten Künstlicher Intelligenz ausleuchtet. Ausgehend von einem Buchfund – Elena Ferrantes Essaysammlung „An den Rändern“ – entwirft Loxen eine Phänomenologie des Schreibens als stets „vorgefundenes Schreiben“. Schreiben sei unweigerlich auf Prätexte angewiesen, es müsse sich an der widerständigen Realität abarbeiten und scheitere immer wieder, bevor es zu einem eigenen Ausdruck finde. Ferrantes Bild vom „Käfig“ der Form wird zitiert: „Schreiben ist also ein Käfig, und wir betreten ihn sofort, mit unserer ersten Zeile“. Doch nur wer diesen Käfig bewusst betrete und die Defizite des eigenen Tuns aushalte, könne – so Loxen – gelegentlich einen Moment des Ausbruchs erleben.
Künstliche Intelligenz sei dazu völlig unfähig: Sie kenne kein „da draußen“, keine leibhaftige Erfahrung von Widerstand, weil sie nur Text, aber keine Welt habe. In scharfer Abgrenzung diagnostiziert Loxen bei KI einen „geistreichen Dilettantismus“, der lediglich gefällige, sterile Textgebilde produziere, ohne je an etwas zu scheitern. Das auf Metriken und Output fixierte Wissenschaftssystem habe diesen oberflächlichen Textbetrieb längst etabliert und werde nun durch KI radikalisiert. Loxen plädiert für eine leidenschaftliche, selbstkritische Schreibpraxis, die ihrer eigenen Mängel gewahr ist und trotzdem – oder gerade deshalb – das Potential für echte Kreativität birgt: „Nur in einer Schreibpraxis, die von ihren Mängeln weiß und trotzdem mitten in sie hineingeht, kann ich und können wir […] auch noch einen anderen möglichen Weg entdecken.“
Die sich anschließende, von Eva Maria Bredler zusammengestellte Wochenübersicht präsentiert eine Fülle verfassungsrechtlicher Analysen. Im Zentrum stehen das Urteil gegen Marine Le Pen, die dennoch ihre Kandidatur ankündigt, sowie das angespannte Verhältnis zwischen EU-Parlament und Europäischer Staatsanwaltschaft bei Immunitätsfragen. Weitere Themen: ein umstrittener Berichtsentwurf zum Zusammenspiel von EuGH und nationalen Gerichten, vorläufige DSA-Verstöße Metas, ein neues Klima-Spotlight des Blogs, Kritik an fehlenden Klimaanpassungsklagen in Europa, Australiens Klimabeschwerde vor dem UN-Menschenrechtsausschuss, ein spektakuläres VW-Urteil in Brasilien, die Absetzung des ungarischen Staatspräsidenten per Verfassungsänderung sowie die Frage nach einer legalen Exit-Option für Soldat:innen bei verfassungsfeindlichen Minister:innen.
Einordnung
Der Verfassungsblog verknüpft eine philosophisch-literarische Selbstverständigung mit seiner üblichen rechts- und demokratiepolitischen Analysearbeit. Das Editorial liefert eine elegante, jedoch stark romantisierende Kulturkritik, die Schreiben als existenzielle Widerstandserfahrung verklärt und KI pauschal als weltlosen Textapparat abwertet. Dabei wird ausgeblendet, dass auch sprachgenerierende Systeme reale Widerstände – etwa durch Trainingsdaten – abbilden und durchaus kreative Impulse setzen können. Die Polarität zwischen leidensfähigem Menschen und seelenloser Maschine bedient ein humanistisches Narrativ, das implizit eine elitäre Vorstellung von echter Geistesarbeit transportiert und die materiellen sowie institutionellen Bedingungen wissenschaftlicher Textproduktion nur am Rande streift. In der Wochenübersicht dominieren demokratie- und rechtsstaatliche Positionen, vereinzelt mit progressiven Akzenten; antiliberale oder rechte Stimmen werden kritisch aufgegriffen, nicht reproduziert.
Insgesamt ist diese Ausgabe ein lesenswertes Panorama für alle, die sich für die Verflechtungen von Digitalisierung, Rechtsentwicklung und geistiger Arbeit interessieren. Das Editorial bietet einen reflektierten, wenn auch angreifbaren Debattenbeitrag zum KI-Diskurs. Die Wochenbeiträge liefern kompakte, fundierte Einordnungen mit hohem Aktualitätsbezug, besonders zum Zustand europäischer Demokratie und globaler Klimarechtsprechung. Für ein nicht-juristisches Publikum könnten einzelne Passagen jedoch zu voraussetzungsvoll sein.