Die ehemalige Staatsanwältin Alexis Loeb spricht mit Lawfare-Redakteur Roger Parloff über die umfassenden Begnadigungen und Strafumwandlungen, die Donald Trump am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit für alle Angeklagten des Kapitol-Sturms vom 6. Januar 2021 erlassen hat. Loeb war bis Oktober 2024 stellvertretende Leiterin der zuständigen Einheit im Justizministerium. Sie stellt die Verfahren als unpolitisch dar, getragen von Karrierejurist:innen ohne politische Agenda. Als zentrales Argument zieht sich durch das Gespräch, dass die Begnadigungen zwar Urteile aufheben könnten, nicht aber die umfangreiche, durch die Prozesse geschaffene Beweis- und Faktenlage. Die Rechtsstaatlichkeit sieht sie dadurch untergraben, dass Gewalt im Dienste der „richtigen“ Person legitimiert werde.
Zentrale Punkte
- Begnadigungen untergraben Rechtsstaat und Opferschutz Die Begnadigungen seien ein „Schlag“ gegen die angegriffenen Polizeibeamt:innen, die ihre traumatischen Erlebnisse in unzähligen Prozessen schilderten. Sie sendeten die Botschaft, dass Gewalt für die „richtige Person“ folgenlos bleibe, was Amerika heute „unsicherer“ mache.
- Die Verfahren seien fair und unpolitisch gewesen Loeb betone, die Anklagen seien von Trump eingesetzten Bundesstaatsanwälten begonnen und von Richter:innen beider Parteien geführt worden. Dass sowohl Geschworenen- als auch Richterprozesse zu fast identischen Verurteilungsquoten führten, widerlege die Behauptung „manipulierter Prozesse“.
- Ein einseitiger Akt ohne Versöhnung Der von Trump angekündigte „Versöhnungsprozess“ sei nicht erkennbar. Dafür brauche es üblicherweise ein Eingeständnis von Unrecht. Stattdessen fehle jede Anerkennung des Schadens, während Begnadigte wie Enrique Tarrio bereits offen mit Vergeltung drohten.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine seltene Innenansicht der mammutartigen Strafverfolgung aus der Perspektive einer leitenden Karrierejuristin. Loebs detaillierte Schilderungen zur Jury-Auswahl, zu einzelnen Fällen und zur Rolle von Trump-nahen Richter:innen liefern handfeste Argumente gegen das unter Trump-Anhänger:innen verbreitete Narrativ einer politisch gesteuerten Justiz. Ihre klare Trennung zwischen juristischer Faktenlage und politischem Begnadigungsakt verleiht der Episode analytische Substanz.
Die Analyse bleibt jedoch strikt innerhalb des von Loeb gesetzten Rahmens: Die Legitimität der massenhaften Strafverfolgung selbst wird nicht hinterfragt, alternative Perspektiven – etwa zur harten, teils kritisierten Untersuchungshaft oder zur enormen Ressourcenbindung – werden nicht diskutiert. Mit Aussagen wie den Geschworenen sei es gelungen, ihre Gefühle beiseitezuschieben und nur auf Basis der Beweise zu entscheiden, setzt Loeb eine Neutralität voraus, die von Kritiker:innen der D.C.-Gerichtsbarkeit stets bestritten wurde. Die Episode dokumentiert damit vor allem, wie die beteiligten Jurist:innen ihre Arbeit rechtfertigen – eine Gegendarstellung zur Trump-Erzählung, die jedoch keine kritische Distanz zur eigenen Rolle herstellt.
Hörempfehlung: Eine aufschlussreiche Episode für alle, die Argumente gegen die Behauptung politisch motivierter Kapitol-Sturm-Prozesse aus erster Hand nachvollziehen wollen, ohne sich im juristischen Detail zu verlieren.
Sprecher:innen
- Alexis Loeb – Ehemalige Vize-Chefin der Kapitol-Sturm-Einheit des US-Justizministeriums
- Roger Parloff – Senior Editor bei Lawfare, Moderator