Kommunikationsberater Tapio Liller analysiert auf der re:publica 26 das Phänomen öffentlicher Nicht-Entschuldigungen („Nonpologies“). Er argumentiert, dass Personen mit hohem sozialen Status aus psychologischen Gründen – etwa dem Schutz des Selbstbildes – oft zu ausweichenden Formulierungen greifen. Die zentrale These des Vortrags lautet, dass ein erhöhter öffentlicher Empörungsdruck, verstärkt durch algorithmische Medien, paradoxerweise die Wahrscheinlichkeit einer aufrichtigen Entschuldigung verringert, statt sie zu erzwingen, und dass dabei die Perspektive der Opfer aus dem Blick gerät.
1. Öffentlicher Druck macht aufrichtige Entschuldigungen unwahrscheinlicher
Liller zufolge gäbe es einen paradoxen Effekt: Je stärker die Öffentlichkeit von einer Person eine Entschuldigung fordere, desto unwahrscheinlicher werde diese. Liller illustriert dies mit einem Diagramm und erklärt, der Täter sei „bei erhöhtem Druck immer weniger bereit, sich zu entschuldigen“. Algorithmisch verstärkte Empörung fördere somit, wenn auch unfreiwillig, die Verwendung von Nonpologies.
2. Nonpologies sind eine gezielte Strategie der Verantwortungsvermeidung
Liller definiert eine „Nonpology“ als systematische Ausweichbewegung, die auf bestimmten sprachlichen Mustern beruhe. Dazu gehörten etwa das Stellen von Bedingungen („falls es dir weh getan haben sollte“), das Sprechen im Passiv („Es wurden Fehler gemacht“) oder abstrakte Formulierungen („diese Angelegenheit ist mir unangenehm“). Als mustergültiges Beispiel nennt er den ehemaligen VW-CEO Herbert Diess, dessen Entschuldigung für einen verbalen Fehltritt eine solche „ganz ganz schwierige Nummer“ gewesen sei.
3. Die psychologischen Kosten einer echten Entschuldigung sind der Schlüssel zum Verständnis
Eine wirksame Entschuldigung müsse dem Entschuldigenden etwas kosten – nicht monetär, sondern psychologisch. Liller beschreibt den Moment nach einer ausgesprochenen Entschuldigung als einen Zustand des Kontrollverlusts: „Dieser Kontrollverlust, diese Machtlosigkeit im Moment der Entschuldigung […] sind Teil der Kosten für diese Entschuldigung.“ Dieses Unbehagen sei der Hauptgrund, warum machtorientierte Personen diesen Akt vermeiden.
4. Eine verweigerte Entschuldigung kann psychologisch vorteilhaft für den Täter sein
Liller beruft sich auf eine Studie, der zufolge das Verweigern einer Entschuldigung das Gefühl von Kontrolle und moralischer Integrität beim Täter stärken könne. Er führt dies auf einen Selbstschutzmechanismus zurück: „Der Täter schützt sein Selbstbild als moralisch integere Person.“ Eine öffentliche Entschuldigung stelle hingegen genau dieses Selbstbild fundamental in Frage.
5. Die „Cancel Culture“ in sozialen Netzwerken ist kontraproduktiv für das Ziel von Gerechtigkeit
Liller argumentiert, dass moralisch-emotional aufgeladene Inhalte in sozialen Netzwerken eine 20 Prozent höhere Verbreitung fänden. Dieser Empörungsdruck sei jedoch ein zentraler Faktor, der Täter in eine defensive Haltung treibe. Die Öffentlichkeit müsse daher lernen, die Tat klar zu benennen und dem Opfer Raum zu geben, ohne den „Täter zu zerstören“, um die Chancen auf eine echte Entschuldigung zu erhöhen.
Einordnung
Tapio Lillers Vortrag ist ein rhetorisch geschliffenes, im Duktus eines informierten Experten gehaltenes Plädoyer für eine öffentliche Entschuldigungskultur. Seine Argumentationsstruktur ist didaktisch wirkungsvoll: Auf eine nachvollziehbare Definition und ein nachahmenswertes Beispiel folgen die Dekonstruktion der „Nonpology“ und die psychologische Erklärung des Phänomens. Besonders bemerkenswert ist das zentrale Framing: Empörungsdynamiken in sozialen Medien werden nicht als Ausdruck eines legitimen Gerechtigkeitsstrebens, sondern primär als leistungshemmendes, kontraproduktives Hindernis für Versöhnung dargestellt. Die Schuld für misslingende Entschuldigungen wird damit zwischen dem individuellen Versagen des Täters und einer dysfunktionalen, algorithmisch getriebenen „Cancel Culture“ verortet.
Die Analyse bleibt jedoch stark auf die psychologische Innenperspektive der (mächtigen) Täter:innen fokussiert. Die Stimmen und Bedürfnisse der Opfer, die Liller zu Recht als „völlig untern Tisch“ gefallen identifiziert, werden im Vortrag selbst nicht wirklich hörbar gemacht. Ihre Verletzung dient als abstrakter Referenzpunkt, nicht als handlungsleitende Perspektive. Problematische strukturelle Machtasymmetrien – etwa die ungleiche Verteilung der diskursiven Macht, sich überhaupt öffentlich entschuldigen zu können oder gehört zu werden – werden zwar benannt, aber nicht vertieft. Die Prämisse, dass eine gute Entschuldigung im Grunde nur am guten Willen des Individuums scheitert, unterbewertet systemische Interessen, etwa von Unternehmen oder politischen Parteien, die einen Kontrollverlust ihrer Repräsentant:innen strategisch verhindern müssen. Visuell untermalen Einblendungen wie das ironische „Nonpology Bingo“ und vereinfachte wissenschaftliche Diagramme den professionell-pädagogischen Gestus der Session, indem sie akademische Autorität beanspruchen und komplexe soziale Dynamiken in griffige Schaubilder übersetzen.
Sehempfehlung: Ein unterhaltsamer und erkenntnisreicher Vortrag, der ein alltägliches Phänomen klug seziert, dabei aber die gesellschaftlichen Machtverhältnisse eher streift, als sie konsequent zu analysieren.