Die Weltmeisterschaft 2026 neigt sich dem Ende zu, und Béla Réthy, der über Jahrzehnte als prägende Stimme des ZDF von den großen Turnieren berichtete, blickt im Gespräch mit Wolfgang Heim auf das Turnier und seine eigene Karriere zurück. Im Zentrum stehen dabei die Frage nach gutem Sportjournalismus und die anhaltende Krise des deutschen Fußballs. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass die eigene, von sprachlicher Verknappung und großer Erfahrung geprägte Reportergeneration ein Qualitätsideal darstelle, an dem sich der moderne Fußballjournalismus messen lassen müsse. Der deutsche Misserfolg wiederum erscheine als Folge einer schwer fassbaren, aber tief im nationalen Selbstverständnis verwurzelten „Arroganz der Geschichte" und fehlender Leidenschaft.
Zentrale Punkte
- Das Ideal des reduzierten Reporters Réthy stelle das Ideal des wortkargen, erfahrenen Reporters in den Mittelpunkt und kritisiere die heutige Branche, die von „lauten" Stimmen und dem Abarbeiten an überbordenden Datenmengen geprägt sei. Dieser Hang zum „Pseudowissen" und zu vorschnellen Superlativen verhindere prägnante, emotionale Momente.
- Deutschlands Fußball leide an Selbstgefälligkeit Das frühe Aus der Nationalmannschaft sei kein Zufall, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden „Arroganz" und eines „Lebens in der Vergangenheit". Der Mannschaft fehle es an Identifikationsfiguren, Leidenschaft und dem nötigen Teamgeist, den kleinere Nationen durch ihren unbedingten Willen aufbrächten.
- Machtmissbrauch als ärgster Makel des Fußballgeschäfts Scharf verurteilt werde die Selbstverständlichkeit, mit der FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump Regularien für ihre Zwecke missbrauchten. Réthy sehe kaum Chancen auf eine Abwahl Infantinos, da dieser die kleineren Verbände durch finanzielle Zuwendungen an sich binde.
Einordnung
Das Gespräch gewinnt seinen Reiz aus der Perspektive eines Insiders, der präzise von den handwerklichen und psychologischen Anforderungen seines Berufs zu erzählen weiß. Réthys Ausführungen zum Wandel der Reporterrolle durch die digitale Datenflut sind erhellend und selbstkritisch, und seine Anekdoten über Begegnungen mit Größen wie Franz Beckenbauer verleihen der Unterhaltung Tiefe. Seine klare Verurteilung der Machtallüren von Funktionären wie Infantino ist ein starkes Element.
Allerdings verengt sich die Analyse des deutschen Scheiterns auf eine kulturkritische These von „Arroganz" und fehlendem „Willen", die strukturelle Probleme (Ausbildung, Verbandsstrukturen, Taktik) eher oberflächlich streift. Dass die Spieler selbst oder andere Stimmen aus dem aktuellen DFB-Umfeld nicht zu Wort kommen, ist dem Format geschuldet, verleiht Réthys Darstellung aber den Charakter einer alternativlosen Expertise. Seine deutliche Abneigung gegen moderne, lautere Reportage-Stile bleibt zuweilen eine reine Geschmacksfrage, die als objektiver Qualitätsverlust präsentiert wird. Ein Satz wie „diese was mich anwidert, [...] ist diese Selbstverständlichkeit, Regularien [...] dermaßen zu missbrauchen" zeigt dabei die emotionale Wucht, mit der hier argumentiert wird, und den starken Fokus auf individuelle moralische Verfehlungen statt auf systemische Anfälligkeiten.
Sprecher:innen
- Béla Réthy – Ehemaliger ZDF-Fußballkommentator, berichtete jahrzehntelang von großen Turnieren
- Wolfgang Heim – Moderator des Formats „Heimspiel" bei Apokalypse & Filterkaffee
- Micky Beisenherz – Gastgeber von Apokalypse & Filterkaffee (in dieser Folge nicht selbst sprechend)