Julian Reichelts Portal „Nius“ schreibt tiefrote Zahlen und erreicht so wenige Leser:innen wie nie zuvor, füllt aber trotzdem verlässlich die Kultur- und Medienseiten. Ben Kutz entlarvt in der Altpapier-Kolumne vom 22. Mai 2026 diesen Widerspruch und fragt, ob die Branche dem rechten Krawallmedium nicht erst die Aufmerksamkeit verschafft, die es so dringend benötigt. Aus den nun vorliegenden Bilanzen der ersten drei Geschäftsjahre geht hervor, dass sich der „Jahresfehlbetrag“ auf insgesamt 33 Millionen Euro summiert hat. t-online zitiert Kutz mit den Worten: „Das Portal hat im dritten Jahr seines Bestehens den Verlust noch ausgebaut. Gesundheitsdaten-Millionär Frank Gotthardt musste wieder einen zweistelligen Millionenbetrag nachschießen.“ 2024 dürften demnach weniger als 1.000 Menschen ein Jahresabo abgeschlossen haben.
Parallel zu der wirtschaftlichen Misere sind die Zugriffszahlen auf ein Rekordtief gefallen. „Meedia“ meldet für April 2026 nur 3,5 Millionen Visits – über 40 Prozent weniger als im Vorjahresmonat und sogar weniger als im Juli 2023 beim Start des Portals. Kutz verweist zudem auf die Kontroverse um ein von Reichelt mit herausgegebenes Buch im Westend-Verlag, von dem sich 32 Autor:innen – darunter Gregor Gysi und Ulrike Herrmann – in einem offenen Brief distanzierten, weil der Verlag damit „das Spektrum seiner Veröffentlichungen bis hin zur extremen Rechten erweitert“ habe.
Der Autor zitiert den Journalisten Khesrau Behroz mit einem zentralen Gedanken: „Weil da einer ist, der sehr laut spricht. Und wir schallverstärken quasi einen Typen, der nicht mal seine eigenen Leute dazu bewegen kann, Abos abzuschließen.“ Reichelt selbst habe in einem YouTube-Video offen zugegeben, bei einem „Spiegel“-Porträt nur mitzumachen, weil es „mehr Reichweite für ‚Nius‘“ bedeute. Kutz’ Fazit: Es sei zwar journalistische Pflicht, faktenfeindliche Bewegungen kritisch zu begleiten. Doch mit jeder Meldung schenkten die Medien dem faktisch irrelevanten Portal das Einzige, was es wirklich wolle – Aufmerksamkeit und Reichweite.
Einordnung
Der Text ist eine medienkritische Intervention aus der MDR-Kolumne „Das Altpapier“ und spiegelt die Perspektive eines Autors, der dem öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus verpflichtet ist. Ausgeblendet bleibt die Frage, wie das Publikum auf eine völlige Nichtbeachtung reagieren würde – ob etwa eine strategische Ignoranz nicht selbst wieder Empörungswellen auslöst und den Verschwörungsmythos der „Mainstream-Medien“ füttert. Unausgesprochen steht die Annahme dahinter, dass redaktionelle Sorgfaltspflicht und das Setzen demokratischer Grenzen höher zu gewichten seien als die Gefahr, Reichelt ungewollt zu bewerben. Die Argumentation ist stringent, liefert aktuelle Wirtschaftsdaten und ordnet die publizistischen Mechanismen schlüssig ein.
Gesellschaftlich ist die Analyse hochrelevant, weil sie die Aufmerksamkeitsökonomie rechter Plattformen offenlegt und zur Selbstreflexion in Redaktionen anregt. Lesenswert ist dieser Newsletter für alle, die verstehen wollen, wie mediale Scheinriesen funktionieren und warum die Branche an ihrer eigenen Relevanzvergabe arbeiten muss. Wer eine unkritische Bestätigung rechter Opfernarrative sucht, wird hier nur eine Lesewarnung erhalten.