In dieser Episode des Weltspiegel Podcast wird der seit über drei Jahren andauernde Krieg im Sudan verhandelt. Host Natalie Amiri spricht mit ARD-Korrespondent Ramin Sina und der Politikwissenschaftlerin Hager Ali. Im Zentrum steht die Frage, wie sich der Konflikt jenseits der Darstellung eines reinen Machtkampfes zweier Generäle entwickelt hat und welche internationalen Wirtschaftsinteressen ihn am Leben erhalten. Die Diskussion setzt als selbstverständlich voraus, dass dieser Krieg im globalen Nachrichtenfluss marginalisiert wird und die humanitäre Katastrophe angesichts geopolitischer und ökonomischer Prioritäten aus dem Blick gerät. Besonders die Rolle von Gold als sanktionsresistente Ressource wird als zentraler Treiber des Konflikts analysiert.
Zentrale Punkte
- Inszenierte Normalität – zerstörtes Leben Die sudanesische Armee versuche in Khartum ein Bild der Normalität zu suggerieren, um Kontrolle zu demonstrieren. Dennoch sei das Ausmaß der Zerstörung allgegenwärtig und die gesamte Bevölkerung durch Verluste und Vertreibungen traumatisiert. Ein Wiederaufbauwille sei vorhanden, werde aber durch völlige Perspektivlosigkeit ausgebremst.
- Gold als sanktionsresistenter Kriegstreiber Die riesigen, strategisch platzierten Goldvorkommen seien ein entscheidendes Motiv für anhaltende Kämpfe. Gold funktioniere als eine von Sanktionen unabhängige Währung, mit der sich beide Kriegsparteien – vor allem die RSF-Miliz über die Emirate – Waffen und Söldner auf dem Schwarzmarkt beschaffen könnten. Der Krieg habe den illegalen Goldschmuggel sogar noch intensiviert.
- Zerfall der Befehlsstrukturen und fehlende Friedensperspektive Der ursprüngliche Machtkampf sei in unzählige Nebenschauplätze zerfallen, auf denen lokale Milizen historische Ungleichheiten ausnutzten. Weder das Militär noch die RSF-Miliz hätten noch volle Kontrolle über ihre Einheiten. Wegen des kompletten Zusammenbruchs zentralstaatlicher Strukturen müsse realistisch mit einem Befriedungshorizont von fünf bis zehn Jahren gerechnet werden.
Einordnung
Die Episode leistet eine dichte und multiperspektivische Einordnung eines hochkomplexen Konflikts. Die Stärke liegt in der Verzahnung von eindrücklicher Vor-Ort-Reportage und strukturierter politikwissenschaftlicher Analyse. Sina liefert keine abstrakte Berichterstattung, sondern macht über individuelle Schicksale – die trauernde Mutter, die perspektivlose Laborantin, den gefolterten Musikzentrums-Mitarbeiter – das Grauen greifbar. Hager Ali ergänzt dies um eine präzise historische Tiefenschicht, die den Zerfall des Gewaltmonopols und die langen Linien der kolonialen Institutionenbildung nachvollziehbar macht. Die Verknüpfung von Goldhandel, globalen Absatzmärkten und der Finanzierung von Kampfhandlungen stellt klar, dass eine Trennung zwischen lokalem Konflikt und internationaler Mitverantwortung nicht möglich ist.
Trotz dieser Stärken bleibt die Rolle der sudanesischen Zivilgesellschaft unsichtbar. Die Episode erwähnt zwar die prodemokratischen Massenproteste von 2019, die Akteur:innen dieser Bewegung – Gewerkschaften, Widerstandskomitees, Frauenorganisationen – kommen jedoch nicht vor. Dadurch entsteht implizit das Bild einer Bevölkerung, die hauptsächlich aus Opfern, Geflüchteten und passiven Betroffenen besteht, während ihre aktiven politischen Kämpfe für eine zivile Regierung, die jenseits der beiden Generäle stattfinden, ausgeblendet werden. Auch die strukturellen Anreize des globalen Wirtschaftssystems werden zwar benannt, aber nicht vertieft in Frage gestellt. Die Beteiligung der Emirate wird kritisiert, doch dass Deutschland und Europa mit diesen Akteuren unbekümmert Wirtschaftsdeals abschließen, wird als politische Bequemlichkeit dokumentiert, ohne die zugrundeliegende Logik von Wirtschaftsinteressen, die hier Menschenleben priorisiert, grundlegend zu hinterfragen.