Dieses Gespräch zwischen Paul Ronzheimer und dem ehemaligen Botschafter Rüdiger von Fritsch vermischt persönliche Erinnerungen mit großer Diplomatiegeschichte. Es beginnt mit von Fritschs prägendem Erlebnis, wie er 1974 einem Verwandten mit gefälschten Pässen zur Flucht aus der DDR verhalf – eine Geschichte, die hier breiten Raum einnimmt. Von diesem biografischen Fundament aus will das Gespräch die deutsche Russland-Politik bis zur Krim-Annexion 2014 aufarbeiten.

Allerdings endet die Episode mit einem Cliffhanger: Die Ankündigung, die entscheidenden Jahre von 2014 bis zum großen Krieg 2022 würden in einer zweiten Folge besprochen. Die Diskussion verharrt daher im historischen Vorlauf – eine Aufarbeitung der jüngsten diplomatischen Entscheidungen bleibt aus. Von Fritsch präsentiert die Annäherung an Russland als aus der damaligen Zeit heraus verständliche Kooperationsstrategie, die erst im Rückblick als Fehler erscheine.

Zentrale Punkte

  • NATO-Osterweiterung als Mythos Von Fritsch zitiere Gorbatschow mit der Aussage, ein Versprechen, die NATO nicht zu erweitern, sei ein „Mythos", da dies die Aufnahme von Sowjetrepubliken in das Bündnis bedeutet hätte. Putin stelle dies wider besseres Wissen als vergessene schriftliche Abmachung dar.
  • Wandel durch Kooperation Die frühere Russlandpolitik sei vom Ansatz geprägt gewesen, durch wirtschaftliche Verflechtung Schaden für den Gegner auch zum Schaden für sich selbst zu machen. Selbst Analysten hätten einen so massiven selbstschädigenden Angriff wie 2022 nicht für möglich gehalten, was die damalige Strategie erkläre.
  • Ökonomie statt Sicherheit bei Nord Stream Von Fritsch stellt dar, dass die polnische Kritik an Nord Stream 1 sich vorrangig auf wirtschaftliche Nachteile und die angebliche Behinderung eines Flüssiggashafens bezogen habe, nicht auf eine grundsätzliche Sicherheitswarnung vor russischem Gas.
  • Deutsche Energiewende als Treiber Die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas sei auch eine Folge des beschleunigten Atomausstiegs nach Fukushima gewesen. Gas aus den USA sei aufgrund von Umweltbedenken gegen Fracking abgelehnt worden; Norwegens Kapazitäten seien begrenzt gewesen.

Einordnung

Das Gespräch lebt von den biografischen Schilderungen eines Insiders und liefert interessante historische Korrekturen, etwa von Fritschs Schilderung, wie er selbst den von Putin-Vertretern oft zitierten Gorbatschow befragte. Es gelingt ihm, die Komplexität der Entscheidungssituationen bis 2010 nachvollziehbar zu machen und vor retrospektiven Kurzschlüssen zu warnen.

Die Analyse verbleibt jedoch in einer argumentativen Schieflage, die den damaligen Annahmen verhaftet bleibt. Die jahrelangen Warnungen osteuropäischer Staaten vor Russlands imperialen Ambitionen werden als vorwiegend ökonomisch motiviert dargestellt – eine Verkürzung, die beispielsweise Polens tiefes Misstrauen nach den Kriegen in Tschetschenien und Georgien ausblendet. Von Fritsch zeichnet den Weg in die russische Gasabhängigkeit als eine fast zwangsläufige, von grünen Idealen getriebene Entwicklung. Dass es zur deutschen Staatsräson gehörte, solche Sicherheitsrisiken detailliert abzuwägen, und dass andere europäische Länder diesen Pfad nicht in gleichem Maße gingen, findet keine Erwähnung. So bleibt der Eindruck einer nachträglichen Rechtfertigung, deren Vollständigkeit sich erst in der angekündigten zweiten Folge erweisen kann. Besonders pointiert zeigt sich seine Argumentation, wenn er Alternativen zu russischem Gas auflistet: „in Katar, bei den lupenreinen Demokraten in China, im Iran" – eine rhetorische Zuspitzung, die andere Optionen wie den schnelleren Ausbau Erneuerbarer oder amerikanisches Gas ironisch beiseitewischt.

Hörempfehlung: Lohnenswert für historisch Interessierte, die eine dichte, quellengesättigte Innensicht auf Diplomatie und Familiengeschichte im Kalten Krieg suchen, aber nur als Auftakt eines Zweiteilers zu verstehen.

Sprecher:innen

  • Rüdiger von Fritsch – Ehemaliger Botschafter in Moskau und Warschau, Vizepräsident des BND
  • Paul Ronzheimer – Journalist und Kriegsreporter, Moderator des Podcasts "RONZHEIMER."