Die freie Reporterin Antonia Groß analysiert in der MDR-Kolumne "Das Altpapier" die Berichterstattung über mutmaßliche digitale Gewalt an Collien Fernandes. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Medien aufgrund strenger presserechtlicher Vorgaben bei der Verdachtsberichterstattung den Kern des Skandals ausblenden. Da die Unschuldsvermutung gelte und Medienanwälte wie Christian Schertz massiv gegen Berichte vorgehen würden, weiche der Journalismus auf eine harmlose Meta-Ebene aus. Anstatt über strukturelle Misogynie zu sprechen, stürze sich die Berichterstattung auf Reaktionen unbeteiligter Prominenter. Groß kritisiert, dass diese Zurückhaltung zu einer absurden Verschiebung des Diskurses führe. Die Aufmerksamkeit fokussiere sich auf die Befindlichkeiten von Cis-Männern, die medienwirksam ihren eigenen Schock zelebrieren würden. Die Autorin zitiert hierzu Margarete Stokowski: "Um Applaus geht es nicht. Es geht um Taten." Groß argumentiert, dass vermeintliche Solidaritätsbekundungen männlicher Prominenter oft reine Selbstinszenierung seien. Die zentrale Frage müsse lauten, ob die Berichterstattung im Sinne der Betroffenen sei oder lediglich der Klickökonomie diene. ## Einordnung Der Text ist von einer starken feministischen Perspektive geprägt und beleuchtet das juristische Machtgefälle zwischen mutmaßlichen Tätern und der Presse. Es schwingt die Annahme mit, dass das aktuelle Presserecht strukturell Täter:innen schützt und die tiefgreifende Aufarbeitung patriarchaler Gewalt blockiert. Die Stimmen der sich selbst inszenierenden Männer werden bewusst dekonstruiert, um aufzuzeigen, wie maskulinistische Dominanz selbst im Moment der vermeintlichen Solidarität aufrechterhalten wird. Der Text wendet sich somit scharf gegen eine triviale Medienlogik, die Gewaltskandale in eine banale Aufmerksamkeitsökonomie umwandelt. Die Kolumne bietet eine hochgradig relevante Medienkritik, die das Spannungsfeld zwischen Presserecht und moralischer Aufklärungspflicht präzise offenlegt. Für medieninteressierte Leser:innen, die tiefgründige feministische Analysen schätzen, ist diese Ausgabe des Altpapiers absolut lesenswert, da sie den Finger treffsicher in die Wunde einer oft völlig fehlgeleiteten Debattenkultur legt.