Im Gespräch mit Philipp Westermeyer zeichnet Sven Schütt den Weg der IU Internationalen Hochschule von einer Nischen-Präsenzhochschule in Bad Honnef zu einem der größten Bildungsanbieter Deutschlands nach. Die Episode verhandelt Bildung dabei primär als einen Markt, in dem privates Unternehmertum effizienter und kundennäher agiere als das staatliche System. Als selbstverständlich gesetzt wird die Annahme, dass ein Studium sich vor allem an den unmittelbaren Anforderungen des Arbeitsmarktes auszurichten habe und dass technologische Lösungen, insbesondere KI, die Qualität der Lehre quasi automatisch verbesserten. Schütt präsentiere sein Wachstumsmodell als einen Akt der „Demokratisierung", bei dem die zahlenden Studierenden als souveräne, individuelle Kund:innen erscheinen, deren Berufserfolg das alleinige Qualitätsmerkmal sei.

Zentrale Punkte

  • Private Hochschule als komplementäre Kraft Schütt stelle die IU als notwendige Ergänzung zum öffentlichen Hochschulsystem dar, die „Menschen Zugang zu Bildung ermöglichen, die sie ohne uns nicht hätten". Als Beleg führe er an, dass rund 100.000 der 130.000 Studierenden aus nicht-akademischen Elternhäusern kämen, was deutlich über dem Schnitt staatlicher Hochschulen liege.
  • Marktlogik definiert das Curriculum Die Studiengangauswahl der IU folge strikt der Nachfrage von Arbeitgebern und der „Job-Profil-Aussicht". Fächer ohne klaren Verwertungszusammenhang wie Philosophie oder Soziologie würden bewusst nicht angeboten. Der Wert eines Studiums bemesse sich an den Rückmeldungen von Arbeitgebern und den Karrierezielen der Studierenden, nicht an einem intrinsischen Bildungsideal.
  • Technologie als Heilsversprechen für Bildungsgerechtigkeit Der Einsatz von KI-Tutoren wie „Synthea" werde als Mittel präsentiert, um Menschen mit nicht-akademischen Bildungswegen, etwa ohne Abitur, das Studium zu erleichtern. Individualisierte Technologie erscheine hier als Lösung für strukturelle Ungleichheiten in der Bildungssozialisation, ohne dass die Ursachen dieser Ungleichheiten oder die Grenzen technischer Unterstützung diskutiert würden.

Einordnung

Das Gespräch liefert einen aufschlussreichen Einblick in die Betriebswirtschaft eines der größten Bildungsdienstleister Deutschlands. Sven Schütt spricht offen über Skalierung, Marketing und seine marktradikale Definition von Bildungswert. Die Episode zeigt, wie konsequent ein privates Unternehmen die Logik des Kundenwunsches auf ein Feld anwendet, das traditionell anderen Imperativen folgt. Interessant ist die argumentative Figur, die privaten Profit mit gesellschaftlichem Nutzen kurzschließt, wenn Schütt die hohe Zahl an IU-Absolvent:innen in der Sozialen Arbeit als systemrelevant und nicht etwa als Ausweis einer Kosten-Nutzen-Kalkulation präsentiert.

Kritisch bleibt der fast vollständig unreflektierte Rahmen. Der Host hinterfragt weder die Höhe der Studiengebühren als potenzielle Barriere, noch die Reduktion von Bildung auf „Employability". Die Übernahme des Begriffs „Demokratisierung" für ein kostenpflichtiges Modell ist eine semantische Verschiebung, die im Gespräch unwidersprochen bleibt. Was fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit dem, was auf der Strecke bleibt, wenn Studiengänge nur nach Marktförmigkeit angeboten werden, oder die Frage, was die 5 % Marktanteil der IU über die chronische Unterfinanzierung des öffentlichen Systems verraten. Das Zitat, man biete nur Fächer an, die „auch zumindest eine gewisse Job-Profile als Aussicht haben", illustriert exemplarisch, wie ein utilitaristisches Bildungsverständnis zur exklusiven Leitlinie erhoben wird.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die einen Einblick hinter die Kulissen eines Bildungs-Startups erhalten wollen, mit der nötigen Distanz zur marktliberalen Argumentation.

Sprecher:innen

  • Philipp Westermeyer – Host, Gründer von OMR
  • Sven Schütt – CEO der IU Internationalen Hochschule