Benjamin Seibel (CityLAB Berlin) und Lisa Stubert (Open Data Informationsstelle) von der Technologiestiftung Berlin stellen auf der re:publica 26 den Prototyp des Berliner Data Hub vor, eine urbane Datenplattform für die Verwaltung. Statt großer Kontrollfantasien gehe es um die pragmatische Vernetzung bestehender Datensilos, basierend auf einem Open-Source-Baukasten. Anhand erster Pilotprojekte mit Bezirksbibliotheken und Bezirksregionenprofilen schildern sie die Praxis einer zähen, aber nun an Fahrt gewinnenden Verwaltungsdigitalisierung.

Eine jahrelang verfolgte Vision scheiterte zunächst an "Design by Committee"

Die Vision einer zentralen Datenplattform habe es in Berlin schon sehr lange gegeben. Ein erster Anlauf sei gescheitert, weil ein Beratungsunternehmen nach dem Prinzip "Design by Committee" alle Wünsche abfragte. Das Ergebnis sei ein überkomplexes System gewesen, "das viele Jahre dauern und viele Millionen Euro kosten" würde. In der Folge seien bereits bewilligte 5 Millionen Euro nicht abgerufen worden und verfallen, "das Projekt war dann de facto erstmal tot". Erst Ende 2024 habe die Senatskanzlei den Faden mit einem pragmatischeren Ansatz wieder aufgenommen.

Der Data Hub wird explizit von einer "Smart City"-Kontrollfantasie abgegrenzt

Seibel betont, man sei "sehr sehr weit entfernt" von den in Werbebroschüren propagierten Bildern, in denen "der Bürgermeister in so einem Kontrollzentrum wie in einem Raumschiff" die Stadt steuert. Er verwies auf historische Vorläufer wie Salvador Allendes Projekt Cybersyn aus den 1970ern. Die Plattform solle keine Kontrollinstanz sein, sondern "den Beschäftigten in der Berliner Verwaltung die Arbeit zu erleichtern", damit mehr Zeit für Services für Bürger:innen bleibe. Das Ziel sei ein "Single Source of Truth" zur Vermeidung von Doppelerhebungen.

Die technische Lösung setzt auf einen Open-Source-Baukasten statt auf proprietäre Software

Die Plattform basiert auf dem "Civitas Core Stack", einer gemeinschaftlich entwickelten Architektur. Stubert beschreibt dies als "Konglomerat an so ganz vielen verschiedenen Aspekten und Komponenten". Wichtig sei das Baukastenprinzip, bei dem erprobte Open-Source-Werkzeuge wie die Dashboard-Software Apache Superset oder das Masterportal für Geodaten clever miteinander kombiniert würden. Das ganze System sei "100% Open Source", was Kosten sparte: Es habe "nur einen Bruchteil von dem gekostet, was ursprünglich mal in den Vorstudien veranschlagt wurde".

Pilotprojekte ersetzen manuelle PDF-Prozesse und teure Business Intelligence

Anhand zweier Pilotfälle wird der praktische Nutzen demonstriert. Für die Pankower Stadtbibliothek habe man teure proprietäre Business-Intelligence-Software ersetzen können, um Buchkäufe datenbasiert zu steuern. Der zweite, komplexere Fall betrifft die "Bezirksregionen Profile", deren manuelle PDF-Erstellung "bis zu zwei Jahre" gedauert habe. Nun würden dafür automatisierte Dashboards bereitgestellt, die Zeit sparen und Freiräume für tiefergehende Analysen ließen.

Für eine vollständige Dateninventur und Governance fehlen noch Übersicht und Regeln

Trotz aller Fortschritte räumen die Vortragenden offene Baustellen ein. Es gäbe keinen Überblick, "wer hat denn jetzt eigentlich welche Daten genau". Eine "Dateninventur" sei nötig. Zudem müssten Regeln zur "Data Governance" geschaffen werden, die Zuständigkeiten und Zugriffsrechte klären. Der Ansatz sei, diese Fragen nicht vorgelagert in jahrelangen Konzeptphasen zu klären, sondern agil "an diesen konkreten Fragen Lösungen zu entwickeln".

Einordnung

Der Vortrag ist ein Paradebeispiel für strategische Verwaltungskommunikation mit hohem Authentizitätsanspruch. Benjamin Seibel und Lisa Stubert inszenieren sich nicht als klassische Expert:innen von oben herab, sondern als lernende Praktiker:innen, die selbstironisch von "frustrierten" Momenten und gescheiterten Prozessen berichten. Die Erzählung vom Scheitern des ersten Anlaufs ist ein rhetorisch kluger Schachzug: Sie verleiht dem aktuellen Projekt Glaubwürdigkeit, indem sie zeigt, dass man aus Fehlern gelernt hat. Der Feind ist dabei nicht die Verwaltung an sich, sondern abstrakte Mechanismen wie "Design by Committee", was eine systemkritische Note einbringt, ohne konkrete Akteur:innen oder politische Entscheidungen verantwortlich zu machen.

Der Frame des Vortrags verschiebt die Diskussion über Stadt-Dashboards geschickt weg von einer potenziell kritikwürdigen "Smart City"-Kontrollfantasie hin zu einem nüchternen, dienstleistungsorientierten Pragmatismus. Die explizite Distanzierung von Bildern allmächtiger Bürgermeister in "Raumschiff"-Kommandoständen dient als vorweggenommene Entkräftung möglicher Überwachungsbedenken. Stattdessen wird der "Data Hub" als reines Werkzeug zur Effizienzsteigerung und Arbeitserleichterung für Verwaltungsmitarbeitende gerahmt. Das Narrativ ist das eines unaufhaltsamen, aber mühsamen Fortschritts, dem man sich nicht verschließen könne. Politische Konflikte um Datenhoheit, Privatsphäre oder die Frage, wer wann welche Daten miteinander verknüpfen darf, werden zwar im Ausblick unter dem Begriff "Data Governance" kurz angerissen, aber als rein technisch-organisatorische Regelungsfrage dargestellt und in die Zukunft vertagt.

Die visuelle Ebene unterstützt diese Botschaft. Die historische Referenz von Allendes Cybersyn mit den eingelassenen Aschenbechern evoziert eine Retro-Faszination, die die heutigen Bemühungen sympathisch bescheiden wirken lässt. Die detaillierte, als "overwhelming" bezeichnete Tech-Stack-Grafik hingegen signalisiert Transparenz und technische Kompetenz, lädt das Publikum aber nicht wirklich zum Hinterfragen ein. Sie vermittelt: Hier arbeiten Profis, die Sache ist komplex, aber unter Kontrolle. Insgesamt liefert der Vortrag eine aufschlussreiche Innenansicht eines digitalen Verwaltungsprozesses, die trotz ihrer kritischen Schlenker klar eine affirmative Position zur datengetriebenen Stadtentwicklung einnimmt und den Fokus eng auf operationelle Machbarkeit richtet.