Der Newsletter nimmt Anthropics Aufstieg zum höchstbewerteten KI-Startup der Welt auseinander und analysiert die PR-Maschinerie, die das Unternehmen als moralisch überlegene Alternative zu OpenAI positioniert. Brian Merchant argumentiert, dass Anthropics Erfolg weniger auf ethischer Substanz beruht als auf dem, was er „Ethicslop“ nennt – einer geschickt erzählten, aber inhaltsleeren moralischen Erzählung. Die jüngste Finanzierungsrunde von 65 Milliarden Dollar, die das Unternehmen auf fast eine Billion Dollar bewertet, sieht er als direkte Frucht monatelanger, sorgfältig geplanter Inszenierung.
Als einen Höhepunkt dieser Strategie entlarvt er den Auftritt von Anthropic-Mitgründer Chris Olah beim Vatikan anlässlich der KI-Enzyklika des Papstes. Dass ein frischgebackener Milliardär dort über die historische moralische Verpflichtung sprach, die durch KI verdrängten Armen zu unterstützen, und die Umverteilung von Wohlstand ein „ungelöstes Problem“ nannte, quittiert Merchant mit beißendem Spott. „Das ist nur dann ein besonders schweres Problem, wenn man noch nie einen Robin-Hood-Film gesehen hat“, schreibt er und verweist auf progressive Besteuerung als naheliegende Lösung, die Anthropic aber nicht interessiere.
Der Text legt weitere Widersprüche offen: Anthropic inszenierte sich als vorsichtig, indem es sein neues Modell „Mythos“ als zu mächtig für die Öffentlichkeit zurückhielt – um es dann nur Führungskräften von Broadcom und JPMorgan zugänglich zu machen. Man ließ sich dafür feiern, bestimmte militärische Anwendungen abzulehnen, während das Unternehmen bereits mit Palantir, einem für Überwachung bekannten Konzern, zusammenarbeitet und KI für andere Militärschläge liefert. Merchant zitiert die KI-Ethikerin Timnit Gebru, die von „Vatican washing“ spricht. Der Autor selbst ist Teil einer Sammelklage gegen Anthropic wegen Urheberrechtsverletzungen – ein Interessenkonflikt, den er offenlegt.
Trotz aller Kritik widmet Merchant der päpstlichen Enzyklika „Magnifica Humanitas“ breiten Raum und würdigt deren klare Worte gegen digitale Versklavung, Massenautomation und die Konzentration von Reichtum. Er zitiert ausführlich Passagen, die die Würde der Arbeit verteidigen und einen starken Staat für die Schwachen fordern.
Einordnung
Brian Merchant argumentiert aus einer klar antikapitalistischen Perspektive und stellt die Profitorientierung von Big Tech grundsätzlich infrage. Diese Einseitigkeit ist ein bewusster Stil, blendet aber notwendigerweise aus, ob Anthropic in Teilbereichen tatsächlich verantwortungsvoller agiert als die Konkurrenz. Der Text ist eher eine Anklageschrift als eine ausgewogene Analyse; die Verwendung von Kampfbegriffen wie „Ethicslop“ macht die Haltung unmissverständlich. Merchants Beteiligung an einer Klage gegen Anthropic ist ein relevanter Bias, der die Schärfe der Analyse erklärt.
Unausgesprochen bleibt, dass selbst vorsichtige Regulierungsrufe aus der Industrie ein Fortschritt sein könnten. Die Stärke des Newsletters liegt in seiner konsequenten Macht- und Kapitalismuskritik. Lesenswert ist er für alle, die eine kompromisslose Entlarvung der Heuchelei hinter KI-Narrativen suchen. Wer eine differenzierte Erörterung der Chancen und Risiken von Anthropic erwartet, bekommt hier eine Lesewarnung: dies ist ein ideologisch gefestigtes, polemisches Statement.