In diesem Kultur-Podcast stellt Kuratorin Ramma Choi das Kurzfilmprogramm „WITH Ezwa“ vor, das im Mai in einem unabhängigen Kino gezeigt werde. Das Programm vereine Animationsfilme junger Künstler:innen aus der arabischen Region, die sich mit Formen gegenseitiger Unterstützung auseinandersetzen. Im Zentrum des Gesprächs stehe der Begriff „Ezwa“, der im Arabischen für Menschen stehe, die hinter einem stehen – ein Konzept, das sowohl familiäre als auch freundschaftliche und situative Gemeinschaften umfasse. Der Filmproduzent Abdellah Dnewar erläutere am Beispiel seines Films „My Brother, My Brother“, wie Animation als Medium genutzt werden könne, um unsichere Erinnerungen und persönliche Verlusterfahrungen zu verarbeiten.
Zentrale Punkte
- Ezwa als erweiterter Familienbegriff Ezwa bedeute, eine Gruppe von Menschen zu haben, auf die man sich verlassen könne – ähnlich einem „Mini-Stamm“ innerhalb der Familie. Es sei aber nicht auf Verwandtschaft beschränkt, sondern könne auch temporäre Gemeinschaften oder geteilte Mahlzeiten umfassen, wie Choi ergänze. Der Begriff bezeichne ein emotionales Netz des Rückhalts.
- Animation als Sprache für unsichere Erinnerungen Dnewar beschreibe die Mischung aus Animation und Realfilm als einzig mögliches Medium, um die fragmentierte Erzählung seines Films umzusetzen. Die visuelle Uneindeutigkeit – was real sei und was nicht – entspreche genau der Erfahrung gemeinsamer Kindheitserinnerungen, die von seinen Brüdern stets unterschiedlich erinnert worden seien.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen persönlichen und einfühlsamen Zugang zu zwei kulturellen Projekten, die sonst wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Die Erläuterungen zum arabischen Konzept „Ezwa“ sind anschaulich und werden durch den Vergleich mit einem koreanischen Ausdruck für Geborgenheit („Pibit Ondok“) interkulturell verankert. Dnewars Schilderung, wie der Film nach dem Tod seines Bruders Saad zur „Hinterlassenschaft“ wurde und wie Animation Unsicherheit als ästhetisches Prinzip etabliert, macht die künstlerischen Entscheidungen nachvollziehbar. Die Moderatorin schafft einen ruhigen Gesprächsraum, in dem die Gäste ihre Expertisen und persönlichen Erfahrungen teilen können.
Kritisch anzumerken ist, dass das Format ausschließlich affirmativ bleibt. Die Gestaltung des Programms, die Filmauswahl oder mögliche politische und ökonomische Produktionsbedingungen von Animationsfilmen im arabischen Raum werden nicht thematisiert. Die Kuratorin benennt keine Kriterien für ihre Auswahl, und die Moderatorin fragt nicht nach. Dies ist im Rahmen eines kurzen Kulturbeitrags eines Community-Radios zwar nachvollziehbar, lässt aber den Entstehungskontext und die kuratorische Praxis weitgehend unsichtbar. Die Episode bleibt ein zarter Einblick – für ein informiertes Publikum, das tiefer in die Materie einsteigen möchte, fehlt es an analytischer Schärfe.
Sprecher:innen
- Carla – Moderatorin des Filmclub Widerblick
- Abdellah Dnewar – Filmproduzent, überwiegend im Bereich Spielfilm tätig
- Ramma Choi – Kuratorin des Programms „WITH Ezwa“, ursprünglich aus Südkorea