Im Zentrum des Gesprächs steht ein Wandel, der sich nicht nur in offiziellen Feiertagen, sondern in der gesamten Geschichtsbetrachtung der Ukraine zeige. Die Historikerin Franziska Davies erläutert, wie sich das Land schrittweise von der sowjetischen Meistererzählung des „Großen Vaterländischen Krieges“ verabschiede. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich der Fokus vom 9. Mai – dem russischen „Tag des Sieges“ – hin zum 8. Mai als Tag des Gedenkens und der Trauer verschiebe. Dieser Prozess sei nicht neu, sondern habe sich seit der Unabhängigkeit entwickelt, aber durch die Ereignisse von 2014 und die russische Vollinvasion massiv beschleunigt. Unhinterfragt bleibt im Gespräch die Rahmung, dass die Ablösung von sowjetischen Narrativen ein quasi natürlicher und notwendiger Prozess der Emanzipation sei.
Zentrale Punkte
- Ablösung vom sowjetischen Kriegsgedenken Die Ukraine ersetze das sowjetische Narrativ des „Großen Vaterländischen Krieges“ (Beginn 1941) durch eine Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg 1939–1945. Dadurch würden der Hitler-Stalin-Pakt und die anfängliche sowjetisch-deutsche Komplizenschaft sichtbar gemacht. Der offizielle Gedenktag am 8. Mai symbolisiere diesen Bruch mit der imperialen Vergangenheit.
- Dekolonisierung als Perspektivwechsel Die aktuelle Neuinterpretation deute die Sowjetherrschaft als russisches Kolonialreich, das ukrainische Kultur marginalisiert habe. Dies motiviere wissenschaftlich und öffentlich eine Abkehr von russischen Quellen und kulturellen Symbolen. Straßenumbenennungen und Denkmalstürze seien sichtbare Folgen dieses kritischen Hinterfragens der eigenen, oft gewaltvollen Russifizierungsgeschichte.
- Ambivalente Figur Stepan Bandera Die breite Zustimmung zu Bandera speise sich aus seiner Rolle als antisowjetischer Freiheitskämpfer, nicht aus seiner faschistischen Ideologie. Der Krieg habe diese Bedeutung durch eine trotzige Umdeutung verstärkt: Man eigne sich das russische Feindbild ironisch an. Die tatsächliche politische Stärke Rechtsextremer in der Ukraine sei verschwindend gering, werde aber von russischer Propaganda als Kriegsgrund verzerrt.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der differenzierten Darstellung eines vielschichtigen Prozesses. Davies kontrastiert geschickt die holzschnittartige russische Propaganda mit der komplizierten ukrainischen Realität, in der unterschiedliche regionale Kriegserfahrungen und Familiengedächtnisse aufeinandertreffen. Sie betont zu Recht, dass Millionen Ukrainer in der Roten Armee kämpften, und vermittelt so, dass die Abkehr von der sowjetischen Erzählung ein schmerzhafter innerer Konflikt ist und kein einfaches Umschreiben der Geschichte.
Kritisch anzumerken ist die wiederholte Verwendung des Kolonialismus-Begriffs, der kaum problematisiert wird. Dass die Sowjetunion als Imperium verstanden werden kann, ist in der Forschung etabliert; im Gespräch wird dieser Rahmen jedoch zu einer alltagstauglichen, politisch aufgeladenen Vokabel, deren Trennschärfe für die komplexe sowjetische Nationalitätenpolitik nicht mehr hinterfragt wird. Die Perspektive jener Ukrainer:innen, die diesen rapiden Wandel des öffentlichen Raums vielleicht nicht mittragen oder als Verlust empfinden, bleibt zudem blass. Sie werden als Minderheit erwähnt, ihre Argumente aber nicht vertieft. Das lebendigste Argument des Gesprächs ist ein Perspektivwechsel, der die Debatte um Nationalismus klug verschiebt: „Jetzt stell dir vor, wir werden angegriffen. Und dann würden (...) die Leute in Großbritannien sagen, ah nee, also die Deutschen unterstützen wir jetzt nicht, da werden ja 30 % AFD. Findest du das fair?“
Hörempfehlung: Ein erkenntnisreiches Gespräch für alle, die verstehen wollen, warum sich das ukrainische Gedenken an den Zweiten Weltkrieg so radikal wandelt und wie tief der Bruch mit dem sowjetisch-russischen Erbe mittlerweile reicht.
Sprecher:innen
- Franziska Davies – Historikerin für Osteuropa, Vorsitzende der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft
- Unbekannter Moderator – Freies Radio, Interviewer