Die Episode zeigt ein Gespräch zwischen Roger Köppel und dem russischen Moderator Vladimir Solowjow. Beide tauschen sich über den Ukraine-Krieg, die deutsche Erinnerungskultur und das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen aus. Köppel eröffnet mit der Beobachtung, dass der 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in den Medien kaum thematisiert worden sei, was er als Verdrängung bewertet. Solowjow greift dies auf und verknüpft deutsche Sprache und Kultur pauschal mit nationalsozialistischer Ideologie. Im Verlauf bemüht sich Köppel um historische Differenzierung, während Solowjow eine scharfe Trennlinie zwischen einer angeblich zutiefst kolonial-rassistischen europäischen und einer vermeintlich multikulturell integrativen russischen Geschichte zieht. Das Gespräch pendelt zwischen polemischer Zuspitzung und dem Versuch, verbindende Elemente zu finden.
Zentrale Punkte
- Verdrängte Geschichte und mediale Lücke Köppel stelle fest, dass deutsche Leitmedien den 85. Jahrestag der Operation Barbarossa kaum aufgegriffen hätten – anders als bei früheren Jahrestagen. Dies sei Teil einer Tendenz, die deutsche Schuld beiseitezuschieben, weil Russland heute im Fokus der Kritik stehe und eine Täter-Opfer-Umkehr unangenehm wäre.
- Kultur als ewiger Nährboden? Solowjow behaupte, die nationalsozialistische Ideologie sei kein Bruch, sondern logischer Gipfel einer europäischen, speziell deutschen Kulturentwicklung gewesen, die von Antisemitismus und Überlegenheitsdenken geprägt sei. Deutsche Sprache löse bei ihm als Juden reflexhaft Hass und Trauer aus – ein Gefühl, das er zugleich als problematisch einordne, aber für die Gegenwart wachhalte.
- Russland als Gegenmodell Gegen den Westen setze Solowjow das Bild eines Russlands, das ethnische Vielfalt integriert habe und dessen Kolonialgeschichte sich grundlegend von der europäischen unterscheide. Während Europa Ausbeutung und Vernichtungskriege betreibe, hätten im russischen Imperium und der Sowjetunion auch nichtrussische Eliten Machtpositionen besetzt – ein Narrativ, das interne Gewaltgeschichte weitgehend ausblende.
Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der Verlebendigung einer Perspektive, die in deutschsprachigen Medien selten Raum erhält. Köppel bringt mit dem Hinweis auf die mangelnde Aufarbeitung von Barbarossa einen Punkt ein, der eine Leerstelle im hiesigen Gedenken benennt. Seine wiederholten Versuche, pauschale Urteile über „die Deutschen“ oder „die Europäer“ zu hinterfragen, verleihen dem Gespräch eine deeskalierende Note. Ebenso der abschließende Appell, trotz aller Gräben nach Gemeinsamkeiten zu suchen.
Problematisch ist der durchgängige Hang zu historischen Totalerklärungen. Solowjow zeichnet ein geschlossenes Bild, in dem europäische Kultur quasi zwangsläufig in den Nationalsozialismus münde und heutige Politik nur eine Neuauflage alter Heuchelei sei. Dass Köppel diese Zuspitzungen zwar bremst, aber nicht grundsätzlich dekonstruiert, verleiht ihnen Legitimität. Die Gleichsetzung aktueller antirussischer Ressentiments mit der Judenverfolgung der 1930er Jahre, die Solowjow am Ende andeutet, bleibt unwidersprochen im Raum stehen – ein Vergleich, der historische Dimensionen verschiebt und nicht eingeordnet wird. Köppels vorsichtige Kritik an Putins Amtszeit wird sofort mit Hinweisen auf Roosevelt oder Merkel neutralisiert, ohne dass die systemischen Unterschiede der politischen Ordnungen zur Sprache kämen.
Das Gespräch bietet einen Einblick in Denkmuster, die für das Selbstverständnis des heutigen russischen Staatsdiskurses zentral sind.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie russische Regimetreue den Westen sehen und historisch argumentieren, liefert die Episode Anschauungsmaterial – vorausgesetzt, sie wird mit kritischer Distanz gehört.
Sprecher:innen
- Roger Köppel – Verleger und Chefredaktor der Weltwoche, Gastgeber des Formats
- Vladimir Solowjow – Russischer TV- und Radio-Moderator, als regimenaher Propagandist bekannt, in der EU sanktioniert