Zum 250. Jahrestag der US-Unabhängigkeit werfen Adam Tooze und Cameron Abadi einen wirtschaftshistorischen Blick auf die Vereinigten Staaten. Die Episode kreist um die Frage, welche ökonomischen Kräfte das Land geprägt haben – und welche Selbstbilder dabei eher trügen. Die Gründungsdebatte zwischen Hamilton und Jefferson, die zentrale Rolle der Sklaverei, die angebliche Abwesenheit sozialistischer Bewegungen und das Narrativ vom besonderen Einwanderungsland werden nacheinander abgeschritten. Leitend ist die Annahme, dass sich die politische Ökonomie der USA nur über Brüche, nicht über eine kontinuierliche Fortschrittsgeschichte begreifen lasse.

Zentrale Punkte

  • Sklaverei als ökonomisches Fundament Sklaverei sei kein Randphänomen, sondern ein zentraler Wirtschaftssektor gewesen: Versklavte hätten um 1800 fast 30 Prozent der Arbeitskräfte gestellt und etwa 12 bis 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Menschen seien als Kapital behandelt, verpfändet und zur Expansion der Plantagenwirtschaft eingesetzt worden.
  • Sozialismus wurde verdrängt, nicht nie vorhanden Die verbreitete These, den USA fehle eine sozialistische Tradition, sei übertrieben. Es habe starke Bewegungen gegeben – vom Haymarket-Massaker 1886 über die Industrial Workers of the World bis zur Bürgerrechtsbewegung. Sie seien jedoch durch Repression, Streikbrecher und Antikommunismus immer wieder an den Rand gedrängt worden.
  • Einwanderungsland ohne Ausnahmestatus Die USA seien weniger einzigartiges Einwanderungsland als ein Ort, an dem verschiedene globale Migrationsmuster überlappten. Deutschland habe heute einen ähnlich hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Die restriktive, nativistische Seite sei ebenso amerikanisch wie die offene.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt in Tooze‘ Fähigkeit, historische Kontinuitäten und Brüche präzise zu verknüpfen. Er widerspricht mehreren verbreiteten Geschichtsbildern fundiert: der Idee eines Sieges Hamiltons im frühen 19. Jahrhundert, der Vorstellung von Sklaverei als irrationalem Auslaufmodell und der Behauptung, die USA hätten nie nennenswerten Sozialismus gekannt. Besonders gelungen ist seine Einordnung der Sklaverei – er umgeht sowohl romantisierende als auch rein moralisierende Zugänge, indem er die ökonomische Rationalität der Institution benennt, ohne sie zu entschuldigen.

Allerdings setzt die Diskussion den Nationalstaat als nahezu selbstverständliche Analyseeinheit voraus. Die imperiale Dimension der US-Ökonomie – etwa die Rolle des Dollars, Militärbasen oder Handelsverträge – wird kaum gestreift. Auch die Gewalt gegen Indigene als ökonomischer Faktor bleibt ausgespart. Das Ackerman-Modell der „constitutional moments" wird als Deutungsrahmen angeboten, ohne dass dessen impliziter Exzeptionalismus problematisiert würde – dass die USA sich durch diese Brüche eben doch immer wieder erneuert hätten und darin besonders seien.

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine dichte, materialreiche Einführung in die wirtschaftshistorischen Grundkonflikte der USA suchen – mit klugen Korrekturen gängiger Narrative.

Sprecher:innen

  • Adam Tooze – Wirtschaftshistoriker, Kolumnist bei Foreign Policy, Professor an der Columbia University
  • Cameron Abadi – Stellvertretender Chefredakteur von Foreign Policy, Moderator von „Ones and Twos"