Ursprünglich sollte auf dem Radiocamp 2026 eine mehrsprachige Sendung gegen den Faschismus entstehen. Die Teilnehmer:innen des Workshops entschieden sich jedoch bewusst um: Sie wollten nicht schon wieder über die extreme Rechte und all die schlechten Nachrichten sprechen. Stattdessen produzieren sie die Hope Radio Show – eine kollektive Suche nach Orten und Momenten der Hoffnung. Was als Abkehr von der Negativität gedacht war, zeigt in der Umsetzung jedoch, wie politisch der Begriff der Hoffnung ist – vor allem dann, wenn er an einer offenen Grenze oder im Gespräch mit Geflüchteten verhandelt wird. Die Sendung pendelt zwischen persönlichen Stimmungsbildern, einer Reportage an der Grenze zur Schweiz und fiktiven Nachrichtenmeldungen.
Zentrale Punkte
- Hoffnung als Alltagsressource Die befragten Menschen charakterisierten Hoffnung überwiegend als ein positives, individuelles Gefühl, das aus kleinen Erlebnissen wie Hilfe im Alltag, Naturerfahrungen oder einem bestandenen Führerschein entstehe. Diese Sicht setze Hoffnung mit einem Kraft spendenden Optimismus gleich, der helfe, nicht aufzugeben.
- Die politische Dimension der Hoffnung Im Kontrast dazu werde am Grenzübergang Konstanz-Kreuzlingen und in den Gesprächen mit den kamerunischen Geflüchteten deutlich, dass Hoffnung für Menschen im Asylsystem eine existenzielle, oft enttäuschte Erwartung an Schutz und Rechte sei. Hier sei Hoffnung nicht naiv, sondern Überlebensnotwendigkeit und Ausdruck von struktureller Ohnmacht.
- Hoffnung als kollektive Handlung Die Sendung selbst und die geschilderten Erfahrungen – etwa die trinationale Demonstration oder die Solidarität durch das Radioprojekt „Our Voice“ – stellten Hoffnung nicht als passives Warten dar, sondern als etwas, das man gemeinsam aufbaue. Die abschließende Botschaft laute, Hoffnung entstehe durch Verständnis, Mut und wechselseitige Unterstützung.
Einordnung
Die Stärke dieser kollektiv produzierten Episode liegt in ihrer vielstimmigen und mehrsprachigen Anlage. Sie gibt Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen Raum: Campingplatz-Besucher:innen, die Hoffnung im „netten Miteinander“ finden, stehen neben Geflüchteten, die das deutsche Asylsystem als „nicht anders als ein Gefängnis“ beschreiben. Diese Kontrastierung macht das politische Gewicht des Hoffnungsbegriffs erfahrbar. Auch die selbstreflexive Wendung zu Beginn, die den Widerstand gegen eine reine Anti-Rechts-Sendung thematisiert, ist journalistisch ehrlich. Besonders gelungen ist, dass die Sendung den Widerspruch aushält, Hoffnung zugleich als verändernde Kraft zu feiern und sie als etwas zu kritisieren, das Menschen in passiven, schlechten Situationen hält.
Kritisch bleibt anzumerken, dass der eingangs formulierte Wunsch, eine „positive Sendung“ ohne die ständigen „negativen Nachrichten“ zu machen, unkommentiert im Raum steht. Die implizite Gleichsetzung von Faschismus-Berichterstattung mit Negativität wird nicht hinterfragt, obwohl die späteren Beiträge selbst zeigen, dass Hoffnung und die Auseinandersetzung mit Unrecht einander nicht ausschließen. Die satirischen Nachrichten über den „Hunter-Virus“ unter Milliardär:innen und gekaperte Radiofrequenzen lockern auf, verbleiben aber in einer absurden Fantasie, die kaum auf die zuvor geschilderten realen Gewaltverhältnisse zurückbezogen wird. „Hoffnung ist eine Frucht“, heißt es an einer Stelle, „nicht zu hoch und nicht zu tief, jedoch slightly out of reach“ – dieses wiederkehrende poetische Bild fasst die zentrale Ambivalenz der Sendung zusammen: Es spendet Trost, lässt aber offen, ob und wie die Frucht je zu erreichen wäre.
Sprecher:innen
- Olivier Minot – Initiator des Workshops, ursprüngliche Idee einer antifaschistischen Sendung
- Audrey, Jannik, Jordan – aus Kamerun geflohene Gesprächspartner von "Our Voice", Radio Dreyeckland