In der Episode spricht Roman vom Freien Radio Dresden mit Michael Nattke, dem Geschäftsführer des Kulturbüro Sachsen. Das Gespräch dreht sich um die zwölfte Ausgabe der Publikation „Sachsen Rechts unten“. Nattke beschreibe, wie sein Team durch mobile Beratungsteams in ganz Sachsen mit lokalen Initiativen im Austausch stehe und so Trends der extremen Rechten erfassen könne. Ein zentrales Thema sei der von langer Hand geplante rechte Kulturkampf. Dieser ziele nicht primär auf Wahlsiege, sondern darauf, das Denken der Menschen zu verändern und Diskurse nach rechts zu verschieben – eine Entwicklung, die Nattke durch den Aufstieg von Pegida und der AfD als zunehmend erfolgreich einstufe.

Zentrale Punkte

  • Kampf um die Köpfe Nattke argumentiere, der rechte Kulturkampf versuche, das politische Bewusstsein der Gesellschaft zu ändern, bevor formale Macht angestrebt werde. Es gehe um die Veränderung von Diskursen und kulturellen Wahrnehmungen als Grundlage für spätere politische Erfolge.
  • Strategie am Fahnenmast Ein erfolgreiches Beispiel sei die AfD-Strategie, in Kommunalparlamenten Anträge für Deutschlandfahnen vor öffentlichen Gebäuden zu stellen. Dadurch gerieten konservative Parteien unter Druck, was Nattke als erfolgreiches „Vorführen der Demokraten“ und Verschiebung symbolischer Normalität werte.
  • Völkische Brauchtumspflege Die extreme Rechte besetze kulturelle Lücken mit Angeboten wie Volkstanz oder Sonnenwendfeiern. Nattke beobachte, dass frühere Schläger-Nazis heute über diese scheinbar unpolitischen Aktivitäten Anschluss an ein breiteres, auch esoterisches Milieu fänden, das politische Unterschiede als nebensächlich abtue.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt in der präzisen, aus der Praxis gespeisten Analyse. Michael Nattke kann aus 25 Jahren Arbeit des Kulturbüros schöpfen und zeichnet ein konkretes Bild davon, wie rechte Akteure in sächsischen Klein- und Mittelstädten Diskursverschiebungen vorantreiben. Besonders anschaulich gelingt die Darstellung doppelbödiger Strategien: Wenn die AfD mit einem Antrag für die schwarz-rot-goldene Flagge die CDU unter Druck setzt, zeigt sich, wie bürgerliche Kreise vor sich hergetrieben werden können. Nattkes zentrale Prämisse, dass der politischen Auseinandersetzung ein Kampf um kulturelle Deutungshoheit vorausgeht, wird mit klaren Beispielen belegt und eröffnet einen analytischen Blick, der über reine Wahlergebnisse hinausgeht.

Dennoch bleiben Leerstellen. Die Analyse verharrt auf der Ebene der Beobachtung: Es wird beschrieben, wie sich Diskurse verschieben, aber kaum skizziert, mit welchen Gegenstrategien zivilgesellschaftliche Akteure dem begegnen können, außer zu „erkennen“. Auch die materielle Basis für rechte Erfolge wird nur gestreift. Die fehlenden Zukunftsperspektiven der Regierungsparteien werden benannt, doch die sozialen Verwerfungen, die rechte Angebote für viele überhaupt erst attraktiv machen, bleiben vage. So entsteht eine fachkundige, aber vorwiegend auf die extreme Rechte fokussierte Analyse, die strukturelle Probleme eher antippt als vertieft. Ein Zitat verdeutlicht die zugespitzte Diagnose: Die AfD führe die Demokraten mit solchen Anträgen erfolgreich vor sich her, so Nattke.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie rechte Strategien jenseits der großen Bühne wirken, bietet die Episode fundierte Einblicke aus langjähriger Praxis.

Sprecher:innen

  • Michael Nattke – Geschäftsführer des Kulturbüro Sachsen, Herausgeber der Publikation „Sachsen Rechts unten“
  • Roman – Moderator des Freien Radio Dresden (coloRadio)