Decoder-Gastgeber Casey Newton spricht mit Steph Ango, CEO der Notiz-App Obsidian. Die Episode beleuchtet, warum ein siebenköpfiges Team ohne Investoren und ohne Nutzer-Tracking profitabel arbeitet, wie Plugins zur Skalierung beitragen und warum KI-Funktionen bisher nur per Erweiterung und nicht im Core-Produkt integriert sind. Ango beschreibt seine Rolle als externer CEO, die Philosophie lokal gespeicherter Markdown-Dateien und die bevorstehende „Bases“-Funktion, die Notizen wie Datenbanken visualisiert.
Obsidian sei seit Tag eins profitabel – ohne Nutzerzahlen zu kennen
Ango betont: „Wir wissen tatsächlich nicht, wie viele Nutzer Obsidian hat. Wir verfolgen keine Analytik.“ Trotzdem sei das Unternehmen seit dem Launch von „Catalyst“ vor fünf Jahren schwarze Zahlen geschrieben. Die Einnahmen stammten aus Sync- und Publish-Abos sowie freiwilligen Spenden.
Plugins als Wachstumsmotor und Personalauswahl
„Plugins erlauben es uns, klein zu bleiben“, erklärt Ango. Tausende Community-Erweiterungen übernehmen Nischen-Funktionen, wodurch das Core-Produkt schlank bleibe. Mehrere der heutigen Vollzeit-Mitarbeitenden seien zuvor als Plugin-Autoren aktiv gewesen.
Lokale Daten statt Cloud – ein bewusstes Geschäftsmodell
Im Gegensatz zu Notion verzichte Obsidian auf Cloud-Speicher. Jede Notiz liege als Markdown-Datei lokal vor, was Langzeitarchivierung und Wechsel zu anderen Tools erleichtere. Diese Architektur mache Cloud-KI-Integrationen schwierig, passe aber zur Datenschutz-Philosophie.
KI nur per Plugin, nie zentral
Obsidian selbst biete keine generativen KI-Funktionen an. Ango: „Die Angst, die ich bei KI habe, ist, dass sie mein Denken ersetzt.“ Stattdessen könnten Nutzer über Plugins selbst entscheiden, ob sie KI-Services einbinden – unter der Bedingung, dass Daten privat bleiben.
Flache Hierarchien und ein Meeting pro Jahr
Das Team treffe nur einmal jährlich synchron. Entscheidungen würden über Discord getroffen oder durch schnelle Prototypen. Ohne Investoren gebe es keine Top-Down-Deadlines.
Einordnung
Die Sendung wirkt wie ein entspanntes Tech-Gespräch unter Gleichgesinnten: Newton stellt kritische Fragen, lässt Ango aber ausführlich antworten. Die Mischung aus Produkt-Erklärung, Business-Modell und persönlichen Anekdoten bleibt unterhaltsam, ohne oberflächlich zu wirken. Besonders bemerkenswert ist, wie selbstverständlich hier Datenschutz und Nutzerfreiheit als Geschäftsposition verhandelt werden – ein Gegenentwurf zur üblichen Growth-At-all-costs-Rhetorik. Gleichzeitig bleibt unklar, wie nachhaltig das Modell bei wachsenden Ansprüchen bleibt. Wer eine nüchterne, aber sympathische Auseinandersetzung mit alternativen Produkt-Philosophien sucht, bekommt hier viel Material. Wer detaillierte Zahlen oder tiefgreifende Kritik erwartet, könnte enttäuscht sein.